Nachhaltiges Konsumverhalten durch ökologische Dienstleistungen und organisierte Gemeinschaftsnutzungen im großstädtischen Wohnumfeld (Berlin)

Projektbeschreibung


Projektleitung: Prof. Dr. Ines Weller
Laufzeit: 07/2001 - 06/2004

Problemlage, Hintergrund, Ausgangssituation

Für eine nachhaltige und damit ökologisch tragfähige Entwicklung ist eine Veränderung des bestehenden Konsumverhaltens von großer Bedeutung. Als umweltschonende Konsumformen werden insbesondere der Kauf von umweltgerechten Produkten (z.B. Lebensmittel aus ökologischem Anbau, langlebige Gebrauchsgüter), das Teilen von Produkten unter mehreren NutzerInnen (z.B. Werkzeugverleih oder Car-Sharing) und die Weiterverwendung von gebrauchten Produkten (z.B. durch Second-Hand-Märkte oder Tauschbörsen, aber auch durch Reparatur von defekten Produkten) diskutiert. In der Praxis erreichen diese Konzepte jedoch bislang nur einen geringen Teil von Konsumentinnen und Konsumenten. Dies kann nicht zuletzt darauf zurückgeführt werden, dass einem nachhaltigen Konsumverhalten oftmals Hemmnisse bei der Integration in den Alltag entgegenstehen.

Da die räumliche Nähe zwischen Angeboten und Nachfragenden organisatorische, ökonomische und logistische Hemmnisse verringern kann, erscheint eine Anbindung an das Wohnumfeld für eine Unterstützung neuer Nutzungsstrategien günstig. Ebenfalls für eine Anbindung neuer Nutzungskonzepte an das Wohnumfeld spricht, dass Berliner Wohnungswirtschaftsunternehmen derzeit ein starkes Interesse an der Ausweitung ihrer Betätigungsfelder haben, um ihre Marktpositionen zu stabilisieren. Ergänzend zum Kerngeschäft der Wohnungsvermietung werden zunehmend verschiedene Dienstleistungen für MieterInnen angeboten. Die derzeitigen Aktivitäten der Wohnungswirtschaft bieten daher Anknüpfungspunkte für die Entwicklung von neuen Nutzungskonzepten. Die Wohnungswirtschaft bietet sich als Partnerin zur Förderung von nachhaltigen Konsumalternativen im Wohnumfeld von Mietshäusern auch deswegen an, weil sie für die konkrete Ausgestaltung entsprechender Maßnahmen und Angebote eine wichtige Funktion einnimmt (z.B. in Bezug auf die Bereitstellung von Räumen).

Neben der Frage der Umsetzungsbedingungen und der Akzeptanz von neuen Nutzungsstrategien ist darüber hinaus nicht ausreichend untersucht, mit welchen ökologischen Ent- und Belastungen neue Nutzungskonzepte tatsächlich verbunden sind. Die angenommene ökologische Vorteilhaftigkeit ist also jeweils empirisch zu prüfen. So ist zu untersuchen, inwieweit es bei Gemeinschaftsnutzungen möglicherweise zu Problemverlagerungen kommt. Insbesondere fehlen bislang Untersuchungen, mit welchen Implikationen neue Nutzungsstrategien im Anschluss an Alltagsroutinen der Versorgungsarbeit verbunden sind. Diese sind eine wichtige Voraussetzung, um Aussagen darüber treffen zu können, unter welchen Bedingungen entwickelte Strategien tatsächlich zu einer Reduzierung von Umweltbelastung durch eine Verringerung von Energie- und Stoffflüssen führen können.

Zielstellung des Projektes

Ziel des Forschungsvorhabens ist zu untersuchen, welche Gemeinschaftsnutzungen und ökologische Dienstleistungen auf das Interesse von MieterInnen stoßen und wie sie im Wohnumfeld organisiert werden können. Dies erfolgt in Zusammenarbeit mit Unternehmen der Berliner Wohnungswirtschaft anhand von vier konkreten Modellprojekten in verschiedenen sozialen Kontexten. Die Planung und Realisierung der Angebote und Maßnahmen erfolgt partizipativ mit den MieterInnen und es werden hierfür neue Akteurskooperationen zwischen MieterInnen, Anbietern ökologischer Dienstleistungen, lokalen Initiativen und Unternehmen der Wohnungswirtschaft aufgebaut. Durch eine Evaluation der Modellprojekte soll überprüft werden, ob und unter welchen Bedingungen die realisierten, als ökologisch eingeschätzten Handlungsalternativen bei ihrer Einbindung in die Alltagsorganisation zu Umweltentlastungen führen oder ob möglicherweise im Kontext von neuen Verhaltensänderungen Umweltbelastungen entstehen. Es sollen Potenziale für eine bessere Anbindung organisierter Gemeinschaftsnutzungen und ökologischer Dienstleistungen an Alltagsroutinen bzw. auch die Grenzen ihrer Integration in den Alltag ermittelt werden.

Die Modellprojekte befinden sich in verschiedenen Stadtteilen Berlins, die Unterschiede hinsichtlich der Lebenssituation aufweisen, sodass wir erwarten, dass sich die jeweiligen Alltagsrealitäten und Ansprüche der BewohnerInnen unterscheiden werden. Dadurch, sowie durch die Einbeziehung der Auswirkungen auf die Versorgungsarbeit können Hinweise darauf gewonnen werden, in welchen Formen an das Wohnumfeld angebundene Maßnahmen und Angebote zu ökologischen Dienstleistungen und organisierten Gemeinschaftsnutzungen erfolgversprechend sein können. Mit der Untersuchung von Umweltentlastungspotenzialen, die gezielt konkrete Verhaltensumstellungen berücksichtigt, greift das Vorhaben eine Frage auf, die bisher noch kaum bearbeitet wurde.

Projektdesign, Forschungsansatz

Der Ansatz des Forschungsvorhabens basiert auf drei Ausgangsthesen:

  1. Nachhaltige Konsumalternativen finden eher Akzeptanz, wenn sie Anschluss an Alltagsroutinen haben und so mit geringen Transaktionskosten bzw. im Idealfall sogar mit Entlastungen im Versorgungsbereich verbunden sind. Die erfolgreiche Integration in den Alltag kann dadurch unterstützt werden, dass bereits im Vorfeld Zielkonflikte ermittelt und verschiedene Entlastungsdimensionen (ökologische, zeitliche, finanzielle, Reduktion der Komplexität von Alltagshandeln) und Vorteile (z.B. neue Qualitäten von Produkten und Dienstleistungen) zusammengeführt werden.
  2. Die Partizipation der Beteiligten bietet die Chance, bedarfsgerechte Angebote zu entwickeln, und führt daher zu alltagskompatiblen Maßnahmenbündeln. Da Frauen oft in besonderer Weise von ökologischen Anforderungen an die Alltagsorganisation betroffen sind, werden die Beteiligungsverfahren so gestaltet, dass sie ihre Anforderungen aktiv einbringen können.
  3. In Hinblick auf die partizipative Entwicklung von nachhaltigen Konsumalternativen ist eine Anbindung an das Wohnumfeld günstig. Sie ermöglicht die gezielte Ansprache von Menschen in ihrem Alltagskontext sowie die Entwicklung von Lösungen für organisatorische, ökonomische und logistische Hemmnisse, die sich bei der Nutzung ökologischer Dienstleistungen ergeben können.
Kennzeichnend für die Konzeption des Vorhabens ist eine Verbindung von wissenschaflichen und praktischen Zielen.

In der praktischen Durchführung werden in vier Wohnanlagen mit zwischen 28 und 77 Mietparteien mittels partizipativer Verfahren und MieterInnenbefragungen an die Bedürfnisse angepasste Konzepte für organisierte Gemeinschaftsnutzungen und andere nachhaltige Konsumalternativen entwickelt und erprobt. Eine Besonderheit des hier verfolgten Ansatzes ist, dass versucht wird, Menschen in einem partizipativen Prozess an der Entwicklung und Realisierung von nachhaltigen Konsumalternativen zu beteiligen, weil sie den gleichen Wohnort haben und aus der Nähe des Zusammenlebens heraus potenziell die Möglichkeit besteht, zu innovativen gemeinschaftlichen Nutzungsstrategien zu kommen. Zur Realisierung der Maßnahmen und Angebote sollen neue Akteurskooperationen zwischen MieterInnen, Anbietern ökologischer Dienstleistungen, lokalen Initiativen und Wohnungsbauunternehmen aufgebaut werden.

Die Evaluation der Modellprojekte zielt darauf ab, verschiedene Dimensionen der mit ökologischen Dienstleistungen und organisierten Gemeinschaftsnutzungen verbundenen Be- und Entlastungen (ökologisch, zeitlich, finanziell, Reduktion der Komplexität von Alltagshandeln) zu untersuchen sowie insbesondere auch nach den Wechselbeziehungen zwischen ihnen zu fragen. Damit sollen Potenziale und Hemmnisse der modellhaft entwickelten Lösungen ermittelt und diese in Hinblick auf ihren Beitrag zur Entwicklung nachhaltiger Konsummuster bewertet werden.

Die Verknüpfung der verschiedenen Be- und Entlastungsdimensionen soll es ermöglichten, Umweltauswirkungen von ökologischen Dienstleistungen und organisierten Gemeinschaftsnutzungen mit Bezug zu ihren Anbindungen an verschiedene Alltagsrealitäten abzuschätzen und damit zu einer integrierten Einschätzung ihrer Potenziale für die Realisierung nachhaltiger Konsummuster zu kommen.

Arbeitsplan und -programm, Durchführung

Das Vorhaben gliedert sich in fünf Arbeitspakete.

In Arbeitspaket I (Vorbereitungsphase) wurde anhand von Literatur- und Internetrecherchen der Kenntnisstand zu im Wohnumfeld umsetzbaren nachhaltigen Konsumalternativen, den mit ihnen verbundenen sozialen, ökonomischen und ökologischen Auswirkungen sowie den vorliegenden Untersuchungen zur Erfassung der ökologischen Entlastungspotenziale systematisiert. Darüber hinaus wurde die Partizipationsdebatte im Hinblick auf die Beteiligung von Frauen an Partizipationsverfahren und Zuspitzung der Ergebnisse auf die Fragestellungen und Ziele des Projektes aufgearbeitet (Projektbereich Gender-Planning). Ein weiterer wesentlicher Schritt in diesem Arbeitspaket ist die Auswahl der Wohnanlagen für die Modellprojekte auf der Grundlage von Begehungen und Vor-Ort-Recherchen.

In Arbeitspaket II (Konzeptentwicklung) werden die Konzepte für die Modellprojekte in einem partizipativen Prozess mit den Mieterinnen und Mietern entwickelt. Dieser Prozess umfasst eine Befragung aller Haushalte (MieterInnenbefragung) sowie Zukunftswerkstätten und Gruppenveranstaltungen. Die MieterInnenbefragung dient darüber hinaus einer Charakterisierung der Haushalte als Grundlage für die spätere Evaluation der Angebote in den Modellprojekten. Darüber hinaus werden Expertengespräche mit Anbietern von ökologischen Dienstleistungen oder organisierten Gemeinschaftsnutzungen geführt, um bestehende Praxiserfahrungen zu erfassen und berücksichtigen zu können. Auf diesen Grundlagen werden in Zusammenarbeit mit den beteiligten Wohnungsunternehmen die Konzepte für Angebote und Maßhnahmen in den Modellprojekten erarbeitet.

Im Arbeitspaket III (Implementierung und Überprüfung der Konzepte in den Modellprojekten) werden in Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern aus der Wohnungswirtschaft die Angebote und Maßnahmen in den einzelnen Modellprojekten implementiert. Es wird ein Feed-back der MieterInnen erhoben, auf dessen Grundlage die Angebote und Maßnahmen weiter entwickelt und optimiert werden.

Das Arbeitspaket IV beinhaltet die Evaluation der Modellprojekte. Ziele der Evaluation sind die Erfassung der Nutzung der Angebote und Maßnahmen, die Abschätzung der ökologischen Auswirkungen, der zeitlichen und finanziellen Auswirkungen für die MieterInnen sowie die Einschätzung der ökonomischen und organisatorischen Vor- und Nachteile für die beteiligten AkteurInnen. Hierzu werden eine zweite quantitative Haushaltsbefragung zur Ermittlung des Umfanges der Nutzung der Angebote sowie qualitative Interviews mit ausgewählten Haushalten durchgeführt. Diese auf die NutzerInnen bezogenen Erhebungsschritte werden durch Expertengespräche mit beteiligten Anbietern und Kooperationspartnern ergänzt.

Im Rahmen der Abschlussphase (Arbeitspaket V) werden die zusammengeführten Ergebnisse aus den verschiedenen Erhebungsschritten auf einer Arbeitstagung mit verschiedenen Akteuren aus der Praxis zur Diskussion gestellt. Es sollen für die Übertragbarkeit auf andere Kontexte relevante Interessen und Sichtweisen von Akteuren aus der Praxis zusammengeführt werden. Auf die Ergebnisse der Tagung aufbauend wird analysiert, unter welchen Bedingungen die Ergebnisse auf andere Kontexte übertragen werden können. Abschließend werden Handlungsempfehlungen für verschiedene Zielgruppen abgeleitet.

Erwartete Ergebnisse des Projektes

Wesentliches Charakteristikum des Vorhabens ist, dass in Kooperation mit Praxispartnern Grundlagen für den gesellschaftlichen Veränderungsprozess in Richtung Nachhaltigkeit untersucht werden. Die wissenschaftlichen Ergebnisse des Forschungsvorhabens sollen einen Beitrag zur Debatte über Hemmnisse und Potenziale für nachhaltige Konsumalternativen sowie zur Weiterentwicklung des Kenntnisstandes zu Nutzungsintensivierungen von Gütern des alltäglichen Gebrauchs, ökologischen Dienstleistungen und organisierten Gemeinschaftsnutzungen leisten. Praxisbezogene Ergebnisse des Vorhabens sind verschiedene alltagsangebundene Konzepte zu organisierten Gemeinschaftsnutzungen und gemeinsam organisierter Nutzung ökologischer Dienstleistungen und deren Umsetzung in vier Berliner Wohnanlagen. Darüber hinaus wird die Übertragbarkeit und Verallgemeinerbarkeit der in den Modellvorhaben gewonnenen Ergebnisse geprüft und daraus Handlungsempfehlungen zur Organisation und Gestaltung von gemeinschaftlichen Nutzungen für verschiedene Zielgruppen (z.B. Wohnungsbauunternehmen, Verbraucherverbände) erarbeitet.

zur Homepage des Forschungsbereichs Sozial-ökologische Forschung/ Gender & Environment

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Erwartete Ergebnisse

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