Hintergrund
Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung wird zunehmend als offenes
Konzept im Sinne einer regualtiven Idee aufgefaßt. Ziel der nachhaltige
Entwicklung einer Region, an dem sich die Akteure orientieren können, ist
es, die Existenzsicherung und Entfaltung der individuellen Fähigkeiten
jedes Einzelnen, die Lebensfähigkeit ihrer Gemeinwesen und die Koevolution
der natürlichen Mitwelt zu gewährleisten.
Um dies zu erreichen, strebt nachhaltiges regionales Wirtschaften in der
Tendenz eine kleinräumige Wirtschaftsstruktur mit an die ökologischen
Managementregeln angepaßten Technologien und
Zirkulations-/Distributionstechniken sowie einem Mix von Arbeitsformen der
Erwerbs- und öffentlichen Arbeit sowie der Arbeit im 3. System, Haus- und
Eigenarbeit an. Wirtschaften soll von der Reproduktion her, bzw. von der
Einheit von Reproduktion und Produktion her gedacht werden. Bestimmend
werden sollen die Prinzipien der Vorsorge und der Orientierung an
vielfältigen Lebensmöglichkeiten.
Die Region Dessau-Bitterfeld-Wittenberg wies sich durch die seit Beginn
der 90er Jahre stattfindende Nachhaltigkeitsdiskussion, initiiert durch das
kulturelle Langzeitprojekt "Industrielles Gartenreich" der
Stiftung Bauhaus Dessau, ihre Anerkennung als regionaler
Korrespondenzstandort der EXPO 2000 sowie ihre Erfahrungen mit einem
Regionalforum als Pioniervorhaben aus. Wirtschaftliche, soziokulturelle und
sozialökologische Aktivitäten institutionell verschiedenartig
organisierter Akteure boten Anknüpfungspunkte für Entwicklung und
Verknüpfung im Sinne eines nachhaltigen regionalen Wirtschaftens. Die
Prozesse des tiefgreifenden Strukturwandels bei gleichzeitiger Ausrichtung
des Regionalen Entwicklungskonzeptes am Leitbild der Nachhaltigkeit, ließen
genügend Offenheit für Interventionen erwarten.
Der unter den Aspekten des Strukturwandels und der umfassenden
Transformation für altindustrielle Regionen in Ostdeutschland als
prototypisch zu charakterisierende Hintergrund bildete den Ausgangspunkt
für folgende zentrale Annahmen:
- Altindustrielle Agglomerationsräume, die auf Grund des
Strukturwandels den Zugang zu den Weltmärkten verloren haben, verfügen
in Folge der regionalen Krisentendenzen über Bedingungsstrukturen für
sozio-kulturelle und institutionelle Innovationen zugunsten nachhaltigen
Wirtschaftens. Die Situation des Umbruchs zwingt zur Veränderung der
regionalen Routine, erzeugt eine Situation der prinzipiellen Offenheit
und erfordert von den regionalen Akteuren eine Verständigung über neue
Entwicklungspfade.
- In einer solchen Region ist der Zugang zu nachhaltiger Wirtschaft
primär über die Schaffung von Arbeit zur Existenzsicherung und anderer
Handlungsoptionen zur sozialen Sicherung zu suchen. Sowohl die
ökologische Sanierung wie auch die Ökologisierung übriggebliebener
und neuer Unternehmen und Wirtschaftsprozesse verleihen einer
nachhaltigen Entwicklung nur dann Impulse, wenn sie dazu beitragen, die
Erwerbsarbeitslosigkeit mit ihren sozialen Folgeproblemen zu beseitigen
oder zumindest stark zu reduzieren.
- Vor dem Hintergrund einer anhaltend hohen Massenarbeitslosigkeit
(regional über 30%) und einem hohen Anteil von dauerhaft aus dem ersten
Arbeitsmarkt Ausgegrenzten treffen Angebote für sinnvolle Tätigkeiten
und Möglichkeiten für Existenzsicherung außerhalb des Erwerbssystems
(u.a. Tauschringe, Einrichtungen für Eigenarbeit, ehrenamtliches
Engagement) auf positive Resonanz. Dies ist zugleich dazu geeignet -
anknüpfend an Traditionen und Erfahrungen mit informeller Ökonomie aus
DDR-Zeiten -, sozialer Isolation und Apathie entgegenzuwirken,
Selbstorganisationspotentiale zu entwickeln und Gemeinwesen zu stärken.
Zielsetzung und Strategien zur Stärkung regionaler Nachhaltigkeit
Nach unserer ursprünglichen Zielvorstellung sollten Interventionen auf
regionaler Ebene Aktivitäten bündeln, Akteursketten stärken und
weiterführende, institutionsentwickelnde Impulse setzen und damit zugleich
experimentell das Wissen über nachhaltige Wirtschaftsformen erweitern.
In Kooperation mit exponierten Nachhaltigkeitsprotagonisten der Region
sowie der im Antrag benannten Praxispartner sollte der Diskussionsstrang
nachhaltiger Regionalentwicklung fortentwickelt und eine Umsetzung
entsprechender Projektideen unterstützt werden.
Im Ergebnis unserer Bestandsaufnahme (vgl. Arbeitspapier 2 und 3) mußten
wir feststellen, dass in der Region im Zeitraum nach der Antragsabgabe,
- die Dynamik der Nachhaltigkeitsdiskussion und Projektplanung mit der
Fertigstellung und Beschlußfassung des Regionalen Entwicklungskonzeptes
zurückgegangen war und von anderen Debatten (u.a. Verwaltungsreform)
stark überlagert wurde,
- die Umsetzung des regionalen Nachhaltigkeitsleitbildes in
Handlungskonzepte im Keim stecken geblieben war, maßgebliche Akteure
Nachhaltigkeit eher als "label" zur Außendarstellung der
Region, denn als orientierendes Konzept für das eigene institutionelle
Handeln interpretierten,
- sich die Akteurskonstellation zuungunsten der
Nachhaltigkeitsprotagonisten (auch von Praxispartnern des Projekts)
verändert hatte,
- die Gesamtregion für wichtige Akteure in Wirtschaft und Verwaltung
keine handlungsrelevante Ebene ist
- und sich die ökonomischen Rahmenbedingungen verschlechterten (z.B.
die Zunahme der Arbeitslosigkeit, Migration)
Die aus der Sicht nachhaltiger Entwicklung verschlechterte Situation
übertrug dem Forschungsprojekt Funktionen "weggefallener" Akteure
und Initiativen.
Der direkte Zugang zur Stärkung nachhaltiger Wirtschaftsprozesse auf
gesamtregionaler Ebene erwies sich nunmehr - mangels Kapazität,
Ausstrahlung und Masse sie tragender und kommunizierender Projekte, Akteure,
Kooperationsnetzwerke - als unrealistisch. Die Interventionsstrategie setzte
deshalb an inhaltlich bzw. räumlich konkreteren Handlungsebenen an und
sollte - ausgehend von den Interessen und erkannten Problemlagen
"aktiver Akteure" - die Vorteilhaftigkeit nachhaltiger
Problemlösungen verdeutlichen, um in der Verbindung der Ergebnisse zu
gesamtregionalen Aussagen zu gelangen.
Im Ergebnis dieses "Konkretisierungsprozesses" kristallisierten
sich folgende drei Interventionsfelder heraus:
- Wolfen-Nord: Die Stärkung lokalökonomischer und soziokultureller
Strukturen in einer Umbruchsituation - ein Zugang zu nachhaltigem
regionalen Wirtschaften?
Wir verfolgen das Ziel, die lokal-ökonomischen Strukturen und sozialen
Beziehungen zu stabilisieren, um damit einen Zugang zum Thema
Nachhaltigkeit zu schaffen. Angesetzt haben wir bei Projekten, die in
verschiedenen Bereichen aktiv sind: Bürgerbeteiligung, öffentliche
Eigenarbeit, Gemeinwesenarbeit, Freizeit- und kreative Tätigkeiten. In
verschiedenen Formen der Zusammenarbeit haben wir Ansätze für
erweiterte Fragestellungen und Perspektiven entwickelt: Kooperation,
Vernetzung, Stadtteilentwicklung, Perspektiventwicklung zur
Existenzsicherung, Initiierung neuer Vorhaben. Dabei haben wir uns
unterschiedlicher Methoden bedient: Exkursionen, Reflexionsworkshops,
thematische Workshops, Wissenstransfer und Mitarbeit an Konzepten zur
Stadtteilentwicklung. (vorläufige Ergebnisse)
- Reformtourismus als Handlungsfeld nachhaltiger Wirtschaftsprozesse und
Lernprozesse für eine zukunftsfähige Leitbildentwicklung der Region.
Mittels kulturtouristischer Aufbereitung, der in den
UNESCO-Weltkulturerbestätten Dessau-Wittenberg begründeten
historischen Reformprozesse und ihrer "Übersetzung" in
gegenwärtige Problemkonstellationen sollen einerseits touristische
Angebote mit wirtschaftlicher Relevanz und sozioökonomischen Effekten
entwickelt werden. Andererseits werden Öffnungen des kommerziellen
Handelns in Richtung kultureller, sozialer und ökologischer
Zukunftsperspektiven ermöglicht.
Die Strategie einer kulturtouristischen nachhaltigen Entwicklung der
Region Dessau-Wittenberg eröffnet drei Optionen: (1) Kulturtouristisch
orientierte regionalisierte Strukturpolitik auf der Basis von
Qualitätskriterien des nachhaltigen Tourismus, (2) eine
infrastrukturelle Öffnung des Tourismuskonzepts zu anderen
wirtschaftlichen Bereichen (z.B. der ökologischen Landwirtschaft, dem
Bildungssektor u.a.), (3) eine räumliche Öffnung zu
industriegeschichtlichen Destinationsräumen südlich von
Dessau-Wittenberg. (vorläufige Ergebnisse)
- Impulse für Lernprozesse von Institutionen der Wirtschaftsförderung
und Strukturpolitik zur Unterstützung nachhaltigen Wirtschaftens.
Die regionalen Wirtschaftsförderungsstrukturen befinden sich
gegenwärtig aufgrund der Verwaltungsreformbemühungen zumindest zum
Teil in einer Umbruchsituation. Trotz der Anerkennung der Probleme durch
die regionalen Akteure existiert gegenwärtig kein offener
zielgerichteter Prozess, um neue Institutionalisierungsformen zu
etablieren. Gleichwohl finden aktuell, vor dem Hintergrund der
existierenden Unsicherheiten, informelle Diskussionen statt. Ziel dieses
Interventionsfeldes ist es deshalb, die Diskussion um die
Neustrukturierung unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit zu
begleiten. Als strategische Ansatzpunkte dienen (i) der
wissenschaftliche Beirat des Regionalforums, der sich u.a. dieses Themas
angenommen hat, (ii) die Entwicklung eines Ansatzes nachhaltiger
regionaler Wirtschaftsförderung und die Diskussion dieses Konzepts mit
den relevanten regionalen Akteuren. (vorläufige
Ergebnisse)
Die drei Interventionsfelder wurden so geplant, dass sie über
unterschiedliche inhaltliche, methodische und räumliche Zugänge das
gemeinsame Anliegen realisieren sollen, Ansätze nachhaltigen Wirtschaftens
in der Untersuchungsregion zu unterstützen. In der Schlußphase des
Projekts sollen, die aus den drei Feldern gewonnenen Erfahrungen und
Erkenntnisse synthetisiert und explizit für eine Revitalisierung und
gegebenenfalls Neuorientierung des Nachhaltigkeitsdiskurses in der Region
nutzbar gemacht werden.
Bei der Auswahl der Interventionsfelder wurde berücksichtigt, dass sowohl
der gesamtregionale Ansatz (Institutionen für Wirtschaftsförderung und
Strukturpolitik) als auch ein sektoraler Zugang mit breitgefächerten
ökonomischen und soziokulturellen Wirkungsfeldern (Reformtourismus) und ein
lokales Herangehen an einem Ort mit - für die Gesamtregion prototypischen -
zugespitzten sozialen Problemlagen Anwendung finden.
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