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Im Folgenden sollen die Stärken und Schwächen der vier untersuchten
Einkaufsstätten für Bioprodukte zusammenfassend dargestellt werden. Dabei
soll sowohl ihre Bedeutung im Bereich der Produktdiffusion als auch für die
Diffusion (von Teilen) der Nachhaltigkeitsidee aufgezeigt werden. Die
Darstellungen sind zunächst gegliedert nach Produkt- und Ideendiffusion;
innerhalb dieser Absätze werden zunächst die Stärken und dann die
Schwächen geschildert.
Im weiteren Verlauf der Auswertung muss noch genauer differenziert
werden, welche Potentiale die Einkaufsformen hypothetisch haben, welche
Potentiale sie derzeit angesichts ihrer spezifischen Ausgestaltung
realisieren und welche zukünftig durch Optimierungsstrategien erschlossen
werden können.
Wochenmärkte - Einkaufsgemeinschaften
- Biocorner im konventionellen Kaufhaus - Bio-Supermärkte
- Zusammenfassung
1. Stärken-Schwächen-Analyse der Wochenmärkte
Produktdiffusion: Die Einkaufsform Ökologischer Wochenmarkt
knüpft an herkömmliche Einkaufsformen an und trägt daher dazu bei,
Zugangsbarrieren abzubauen. Die offene Form ermöglicht zunächst ein
unverbindliches Kennenlernen des Angebots und des Verkaufspersonals. Die
meisten Märkte sind außerdem so gelegen, dass Laufkundschaft angesprochen
wird. Entsprechend erreichen sie einen relativ hohen Anteil an Neukunden.
Bei den Märkten handelt es sich um die einzige der untersuchten
Einkaufsformen, die aus Gründen des Erlebniseinkaufs besucht wird. Die
Kunden schätzen die Atmosphäre auf den Märkten und die Möglichkeiten,
dort Bekannte und Freunde zu treffen.
Die Möglichkeiten des unmittelbaren Austauschs mit den Direktvermarktern
tragen zur Transparenz über die Herkunft und Anbaubedingungen der Waren und
damit zur Verringerung der Echtheitszweifel bei. Durch das verstärkte
Angebot saisonaler Ware werden die Kunden teilweise an ihnen unbekannte und
regionale Produkte herangeführt. Das gleichzeitige Angebot von Non Food
Artikeln wie umweltfreundliche Textilien, Spielzeuge und Kunsthandwerk kann
zu einer Ausweitung ökologischen Konsums beitragen. Die relativ lange
Verweilzeit der Kunden auf den Märkten erhöht die Offenheit für das
Ausprobieren neuer Waren.
Die Berliner Ökomärkte schöpfen die genannten Potentiale in den
meisten Fällen bisher nur ungenügend aus. Durch die geringe Anzahl der
Marktstände und Kunden wird keine konventionelle Marktatmosphäre
vermittelt, das unverbindliche Schlendern über den Markt wird erschwert und
es bleibt eine gewisse Hemmschwelle für Neukunden bestehen. Auf einigen der
Märkte wird außerdem nur ein eingeschränktes Sortiment angeboten und die
Möglichkeit der Auswahl zwischen mehreren Anbietern (die
herkömmlicherweise mit dem Kauf auf Wochenmärkten verbunden wird) ist
nicht gegeben. Die genannten Schwächen liegen z.T. in der Einkaufsform
Ökologischer Wochenmarkt selbst begründet: auch auf längere Sicht wird es
den Betreibern nur im beschränkten Umfang möglich sein, das Sortiment zu
erweitern, da die Zahl an Ökobauern und -verarbeitern in der Region
Berlin-Brandenburg nur langsam ansteigt.
Da der Einkauf auf den ökologischen Wochenmärkten durch den Besuch
weiterer Einkaufsstätten ergänzt werden muss, ist er mit relativ hohem
Zeitaufwand verbunden.
Die Heranführung an neue Produkte erfolgt seitens der Anbieter sehr
zurückhaltend: nur selten werden bestimmte Produkte durch
Verkostungsaktionen o.ä. hervorgehoben bzw. Informationen zur Zubereitung
seltener saisonaler Produkte angeboten.
Die zurückhaltende Präsentation vor Ort und die in sehr geringem Umfang
durchgeführten Werbemaßnahmen reichen nicht aus, um im größeren Umfang
neue Kundengruppen zu erreichen.
Ideendiffusion: Die Form der Direktvermarktung bietet die
größten Potentiale für die Vermittlung von Informationen über den
ökologischen Landbau, den Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und
Naturschutz sowie die Bedeutung regionaler Wirtschaftskreisläufe. Durch den
Aufbau persönlicher Beziehungen erfolgt diese Vermittlung nicht nur rein
kognitiv sondern es kann sich ein emotionaler Bezug entwickeln. Das
hauptsächliche Potential für die Vermittlung von Aspekten der
Nachhaltigkeitsidee liegt daher in den direkten Verkaufs- und
Beratungsgesprächen. Faltblätter oder Informationstafeln bzw. Beratungen
zu spezifischen aktuellen Themen können ergänzend wirken.
Das Potential der Märkte für die Vermittlung von Ideen oder die
Stärkung des emotionalen Bezugs wird dadurch erhöht, dass sie unter dem
Aspekt des Erlebniskonsums - für den man sich Zeit nimmt - besucht werden.
Dies erhöht die Aufnahmebereitschaft der Kunden. Anders als die
Geschäftsführer/innen der anderen Einkaufsformen äußern die
Betreiber/innen der Ökologischen Wochenmärkte ein relativ großes
Interesse an der Vermittlung von Inhalten, sie fühlen sich allerdings
häufig mit der Umsetzung überfordert.
Die Befragungen ergaben weiterhin, dass die ökologischen Wochenmärkte
ein hohes Potential zur Stärkung sozialer Nachhaltigkeit aufweisen. Viele
der Kunden schätzen die Gelegenheit, dort Bekannte und Freunde zu treffen
bzw. auch mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen. In Bezirken mit starken
sozialen Gegensätzen und entsprechenden Spannungen wurde z.T. explizit die
Aufwertung des jeweiligen öffentlichen Raums erwähnt. In Städten wie
Berlin, in denen öffentliche Ruhe- und Kommunikationszonen tendentiell eher
abnehmen, sollte diese Funktion nicht unterschätzt werden. Das Potential
der Märkte als Ort der Diskussion bezirklicher Belange oder politischer
Anliegen könnte noch stärker genutzt werden.
Obwohl bei den Betreiber/innen größtenteils die Motivation vorhanden
ist, auf den Märkten zur Ideendiffusion beizutragen, stehen ihnen für
entsprechende Maßnahmen kaum personelle und finanzielle Ressourcen zur
Verfügung. Auch bei den wirtschaftlich meistens unter starkem Druck
stehenden Anbietern ist häufig keine Bereitschaft für zusätzliches
Engagement vorhanden. Dies erschwert die Ausschöpfung vorhandener
Potentiale.
Bisher steht den Kunden auf den Märkten nur wenig Material über die
Anbieter, die landwirtschaftlichen Betriebe, die Situation in der Region
etc. zur Verfügung. Informationen über Markt- oder Hoffeste liegen oft nur
sporadisch aus. Außerdem nutzen die Anbieter nur teilweise ihre
Möglichkeiten, durch wechselnde saisonale Dekorationen die Attraktivität
der Märkte zu erhöhen und den Bezug der Kunden zu jahreszeitlichen
Rhythmen zu stärken.
Für die Verringerung von Echtheitszweifeln ist es von großer
Wichtigkeit, dass das Verkaufs-personal zuverlässige Informationen über
die Herkunft der Produkte, den landwirtschaftlichen Betrieb, die Art der
Verarbeitung etc. vermitteln kann. Da die Landwirte und Verarbeiter z.T.
dazu übergehen, häufig wechselnde Aushilfskräfte einzusetzen, ist dies
nicht in allen Fällen gegeben.
Gesamtbewertung: Das Potential der Ökologischen Wochenmärkte zur
Produktdiffusion ist eher gering, da es ihnen strukturell nur in Ansätzen
gelingen kann, an herkömmliche Einkaufsgewohnheiten (große Auswahl,
belebte Atmosphäre etc.) anzuknüpfen.
Für die Vermittlung von Ideen und die Stärkung des emotionalen Bezugs
weisen die Ökomärkte von allen untersuchten Einkaufsstätten das höchste
Potential auf.
2. Stärken-Schwächen-Analyse der Einkaufsgemeinschaften
Produktdiffusion: Die größte Stärke der Einkaufsgemeinschaften
liegt in der Senkung der Preisbarriere. Dadurch wird ein bestimmter Teil von
Neukunden angesprochen und bei den Gelegenheitskäufern eine Intensivierung
des Konsums von Bioprodukten erreicht. Die Einkaufsform
"Einkaufsgemeinschaft" erreicht eine hohe Kundenbindung, da sich
die Mitgliedschaft erst bei bestimmten Einkaufsmengen lohnt. Die
Entscheidung der Kunden, in die Einkaufsgemeinschaft einzutreten, stellt
eine Art Selbstverpflichtung zum intensiven Konsum von Bioprodukten dar.
Diese Entscheidung erleichtert die Entwicklung von Alltagsroutinen und
führt dazu, dass seltener konventionelle Spontankäufe getätigt oder
situationsbedingte Entschlüsse gefasst werden. Die Einkaufsgemeinschaft ist
somit die einzige Einkaufsform, die wesentlich dazu beiträgt, dass sich
Einkaufsroutinen verändern und ökologische Verhaltensweisen verstetigen.
Zur Produktdiffusion trägt die Einkaufsgemeinschaft außerdem durch ihr
breites Angebot - auch von Non-Food-Artikeln - bei, das dazu führt, dass
auch bisher unbekannte Produkte erprobt werden. Teilweise werden in den
Fililalen Verkostungen durchgeführt bzw. auf Sondertischen Produktneuheiten
präsentiert. Besonders in den größeren Einkaufsgemeinschaften ist ein
kompletter One-Stop-Einkauf möglich.
Zumindest in den kleineren Einkaufsgemeinschaften besteht ein persönliches
Verhältnis zu den Betreiber/innen und den Angestellten, das dazu beiträgt,
das Vertrauen in die Qualität der angebotenen Produkte zu erhöhen und
Echtheitszweifel zu verringern.
Die geschilderten Stärken bringen gleichzeitig einige Schwächen im
Hinblick auf die Produktdiffusion mit sich. Die Form der Mitgliedschaft
schreckt einen Teil der Kunden ab, die sich nicht derart verbindlich auf
eine Einkaufsstätte einlassen wollen. Diese spezielle Einkaufsform knüpft
somit nicht an "normale" Einkaufsgewohnheiten an. Die
größtenteils sehr einfache und etwas provisorische Art der Einrichtung
vermittelt außerdem keine herkömmliche Einkaufsatmosphäre (hier bestehen
allerdings zwischen den Filialen größere Unterschiede). Auch der Umgang
des Personals mit den Kunden unterscheidet sich von konventionellen
Einkaufsstätten - der lockerere und ungezwungene Umgangston, z.T. aber auch
die mangelnde Kundenorientierung wirken abschreckend auf Leute, die damit
nicht vertraut sind.
Die Einkaufsgemeinschaften tragen nicht wesentlich zur
Zugangserleichterung bei, da sie meistens in Bezirken angesiedelt sind, die
bereits über andere Bioeinkaufsstätten verfügen. Die unscheinbare
Außenpräsentation und die Lage in Seitenstraßen bzw. Hinterhöfen
fördert nicht die Ansprache von Laufkundschaft. Werbung für diese
Einkaufsform erfolgt v.a. durch Mundpropaganda - dies bedeutet, dass diese
eher unkonventionelle Idee vor allem in bestimmten Kreisen zirkuliert.
Personen, die sich nicht in dem entsprechenden sozialen Umfeld aufhalten,
werden somit schwer erreicht. Der entscheidende Vorteil - die Senkung der
Preisbarriere - wird demnach ungenügend kommuniziert.
In einigen Filialen der Einkaufsgemeinschaft wird die Anordnung der
Produkte und die Dekoration selten verändert. Da die Kunden hier besonders
häufig einkaufen, kann dies auf Dauer Unzufriedenheit und Langeweile
auslösen. Für einen One-Stop-Einkauf, auf den die Kunden der
Einkaufsgemeinschaft großen Wert legen, ist das Angebot an Fleisch und
Wurst nicht ausreichend.
Ideendiffusion: Die größte Stärke der Einkaufsgemeinschaften in
Bezug auf die Diffusion von Ideen besteht in der hohen Kundenbindung. Der
regelmäßige Besuch der Einkaufsstätte, der kontinuierlichen Kontakt mit
dem Verkaufspersonal sowie der Austausch der Kunden untereinander bieten
gute Möglichkeiten zur Vermittlung von Informationen und der Stärkung
sozialer Beziehungen. Ein Indiz in diese Richtung ist, dass die meisten
Kunden über Mundpropaganda gewonnen werden. Die vorhandenen Schwarzen
Bretter, an denen Angebote für private Dienstleistungen, gebrauchte
Produkte, Kurse, Seminare etc. ausgehängt werden, stellen ein mögliches
Medium dar.
In den Kundeninterviews wurde außerdem deutlich, dass die Mitglieder
z.T. erwarten, dass die Betreiber der Einkaufsgemeinschaft ihnen durch die
Beachtung bestimmter Kriterien bei der Zusammenstellung des Sortiments
umwelt- und sozialfreundliches Verhalten erleichtern. Kriterien, die in
diesem Zusammenhang genannt wurden, sind ein umfangreiches Angebot von
regionalen Produkten sowie die Auswahl von Kosmetika, deren Produktion ohne
Tierversuche erfolgt. Weitere Kriterien, die seitens der Betreiber punktuell
auch durch Informationen offengelegt werden könnten, sind das Angebot von
fair gehandelten Produkten und von Waren, die im Rahmen sozialer Projekte
(mit Behinderten, psychisch Kranken, arbeitslosen Jugendlichen etc.)
entstanden sind.
Einen ausbaufähigen Ansatz für die Stärkung umweltfreundlichen
Konsumverhaltens stellen die bereits bestehenden Kooperationen mit anderen
ökologischen oder sozialen Unternehmen dar. Durch ihre Mitgliedschaft in
der Einkaufsgemeinschaft erhalten die Kunden Rabatte z.B. bei einem
Car-Sharing-Unternehmen, Heilpraktikern, einem Geschäft für Holzspielzeug
etc. Bei entsprechender Kommunikation könnte hierdurch die Idee des Aufbaus
eines "alternativen Unternehmens-Netzwerks" bei den Kunden
vermittelt werden.
Eine weitere Stärke, die für die Vermittlung von Ideen geeignet ist,
ist das relativ große Angebot an regionalen Produkten, die z.T. noch direkt
von Landwirten aus dem Umland bezogen werden.
Obwohl gute Potentiale für die Vermittlung von Ideen vorhanden sind,
stehen die Betreiber/innen der meisten Filialen derartigen Aktivitäten eher
ablehnend gegenüber.
Entsprechend werden in den Einkaufsgemeinschaften nur in geringem Umfang
Informationen zu den Themenbereichen gesunde Ernährung, Ökolandbau etc.
ausgelegt. Das Angebot von Faltblättern, Zeitschriften, Plakaten etc.
erscheint zufällig zusammengestellt und schlecht gepflegt. Es ist zu
erkennen, dass hier kein gezieltes Interesse der Betreiber/innen vorliegt.
Weiterhin werden keine Bücher oder Broschüren zum Verkauf angeboten.
Die Informationsvermittlung seitens des Personals ist unterschiedlich: die
Bereitschaft und Zeit dafür sind meistens vorhanden; da teilweise
fachfremdes Personal eingesetzt wird, fehlt es manchmal jedoch an
weitergehendem Wissen über Ernährung, Landwirtschaft etc.
Auch die vorhandenen Aktivitäten, wie die Kooperation mit anderen
alternativen Unternehmen und das Angebot regionaler Produkte, werden bisher
ungenügend kommuniziert. So kennen die meisten Kunden nur einen Teil der
Unternehmen, bei denen sie Vergünstigungen erhalten könnten. Die Kriterien
für die Auswahl der Unternehmen werden nicht offengelegt. Weiterhin ist die
Auszeichnung der regionalen Produkte verbesserungswürdig und es stehen
keinerlei Informationen über die landwirtschaftlichen Betriebe, die
Situation in der Region (Naturschutz, Arbeitsplätze etc.) zur Verfügung.
Gesamtbewertung: Abgesehen von der Eingangsbarriere, Mitglied zu
werden, sind bei den Einkaufsgemeinschaften gute Potentiale für eine
verstärkte Produktdiffusion zu erkennen. Im Bereich der Ideendiffusion sind
im Bereich sozialer Nachhaltigkeit, des Aufbaus alternativer
Unternehmensnetze und der Stärkung des Regionalbezugs gute Ansätze
vorhanden, es fehlt bisher jedoch die Bereitschaft der Betreiber/innen für
ein stärkeres Engagement.
3. Stärken-Schwächen-Analyse der Biocorner in einem konventionellen
Kaufhaus
Produktdiffusion: Die größte Stärke der Biocorner in einem
konventionellen Kaufhaus besteht darin, dass der Verkauf in einer
konventionellen Einkaufsatmosphäre erfolgt und dadurch die Zugangsschwelle
verringert wird. Dies trägt ganz allgemein dazu bei, dass Bioprodukte ihr
Image als Nischenprodukte verlieren.
Durch die Lage der Bioabteilungen in der Nähe der allgemeinen
Lebensmittelabteilung wird viel Laufkundschaft angesprochen. Der Einkauf
kann außerdem mit anderen Besorgungen (auch Non Food-Produkte) verbunden
werden, da es sich beim Kaufhaus um eine One-Stop-Einkaufsstätte handelt.
Nach den Ergebnissen der Befragung erhöht die Möglichkeit des
"schnellen Mitnehmens" insbesondere den Konsum von Bioprodukten
bei Kunden, die bereits in anderen Einkaufsstätten Lebensmittel aus
ökologischem Anbau kaufen. Statt konventioneller Spontan- oder
Gelegenheitskäufe haben sie nun die Möglichkeit, auch im Kaufhaus Produkte
in Bioqualität zu erhalten. Hierbei werden - auch durch die längeren
Öffnungszeiten - insbesondere vollberufstätige Singles erreicht.
In der größeren Filiale werden die Kunden durch Aktionstische auf neue
oder besondere Produkte aufmerksam gemacht. Beide Filialen verfügen über
ein breites Angebot an Convenience- und Fleischersatzprodukten, die in
herkömmlichen Bio-Einkaufsstätten i.d.R. in geringerer Anzahl vertreten
sind. Dieses Angebot könnte zur Ausweitung des Konsums einzelner Kunden
führen.
Das gesonderte Angebot von Bioprodukten außerhalb der allgemeinen
Lebensmittelabteilung ermöglicht einen raschen und gezielten Einkauf ohne
größeren Aufwand für die Suche der Produkte. Durch die geblockte
Präsentation ist es außerdem möglich, Personal einzusetzen, dass sich mit
diesem Angebot identifiziert und Beratungsleistungen erbringen kann.
Das oben geschilderte Potential zur Ansprache neuer Kundenkreise wird in
den beiden Bioabteilungen allerdings bisher noch ungenügend ausgeschöpft:
zum Untersuchungszeitpunkt betrug der Anteil an Neukunden nur 5%. Zum Teil
kann dies sicherlich auf die zurückhaltende Präsentation und Werbung im
Haus selbst zurückgeführt werden. Seitens der Betreiber werden außerdem
Aktionen wie Verkostungen bisher nicht gezielt dazu genutzt, offensiv an
Laufkundschaft heranzutreten. Zum anderen ist die Kommunikation über die
spezifische Qualität der Produkte bisher mangelhaft, so dass
Verbraucher/innen, die mit dem Thema nicht vertraut sind, durch die höheren
Preise abgeschreckt werden.
Entgegen der Erwartungen der Kunden ist es den Betreiber/innen der
Bioabteilungen aufgrund der insgesamt relativ kleinen Umsätze
(Bioabteilungen existieren bisher nur in Berlin und nicht in den anderen
bundesdeutschen Filialen des Konzerns) bisher nicht möglich, Rabatte bei
den Großhändlern zu erzielen, so dass die Preise sich nicht von denen im
herkömmlichen Naturkosthandel unterscheiden. Die Betreiber/innen führen
außerdem keine gezielte Preispolitik mit Dauerniedrigpreisen oder
Aktionspreisen für Zeigerprodukte durch. Das Angebot von Bioprodukten im
konventionellen Kaufhaus trägt demnach nicht dazu bei, die Preisschwelle zu
reduzieren.
Die Qualität des Service entspricht dem Niveau in einem gehobenem
Warenhaus: die Verkäufer/innen sind i.d.R. freundlich und motiviert, weisen
aber nur oberflächliche Fachkenntnisse auf und haben persönlich nur
mäßiges Interesse an der Verbreitung von Bioprodukten. Demotivierend auf
das Engagement des Personals wirkt, dass relativ viele Entscheidungen von
der Konzernleitung getroffen werden und der eigene Handlungsspielraum z.B.
bezüglich der Erweiterung des Sortiments sowie der Anordnung und Dekoration
der Produkte damit deutlich eingeschränkt ist.
Ideendiffusion: Wie auch bei der Produktdiffusion besteht die
Stärke dieser Einkaufsform darin, dass auch Leute mit Ideen oder
Informationen angesprochen werden können, die bisher kaum mit diesem
Themenkomplex in Berührung gekommen sind. Dies geschieht ansatzweise
bereits dadurch, dass diese Produktgruppe überhaupt in einem derartigen
Rahmen angeboten wird.
Durch die Verkäufer/innen kann grundlegender Informations- oder
Beratungsbedarf abgedeckt werden. Eine weitere Stärke besteht darin, dass
der untersuchte Konzern ein ganzes Bündel von Aktivitäten entfaltet, um
sich als umweltfreundliche Einkaufsstätte zu profilieren. So werden seit
Jahren immer weitere Teile des Sortiments in Kooperation mit einem
Umweltschutzverband auf ihre Umweltverträglichkeit überprüft und
entsprechend der Prüfkriterien einzelne Artikel ausgelistet und neue
aufgenommen. Diese Aktivitäten werden den Kunden allerdings ungenügend
kommuniziert. Speziell in der Bioabteilung würde es sich anbieten, den
Kunden auf einfache Weise zu vermitteln, dass das Angebot von ökologischen
Produkten einen weiteren Baustein der diesbezüglichen Konzernstrategie
darstellt.
Von allen Einkaufsstätten besteht in den Bioabteilungen der geringste
Anspruch der Betrei- ber/innen, den Kunden Informationen oder Ideen zu
vermitteln - i.d.R. verfügt das Personal über die Produktkenntnisse hinaus
nicht über den entsprechenden Hintergrund.
Entsprechend werden in der Biocorner nur vereinzelt Informationen in Form
von Faltblättern, Zeitschriften oder Aushängen angeboten. In einer der
Filialen werden Bücher und Broschüren zum Thema Ernährung verkauft,
dieses Angebot ist aber schlecht gepflegt.
Bisher wurde kein Versuch unternommen, grundlegende Informationen über
die Eigenschaften von Bioprodukten so aufzubereiten, dass das Angebot auch
für Laufkundschaft einsichtiger wird. Nachteilig für die Diffusion von
Ideen wirkt sich weiterhin aus, dass die Kunden sich meistens nur kurz in
der Bioabteilung aufhalten und eine geringe Bindung an diese Einkaufsstätte
aufweisen.
In der Biocorner wird nur eine geringe Anzahl von regionalen Produkten
angeboten; diese sind zudem mangelhaft gekennzeichnet. Die Biocorner weist
somit kein Potential zur Stärkung des Regionalbezugs der Kunden auf.
Gesamtbewertung: Die Biocorner im konventionellen Warenhaus weist
gute Potentiale für die Diffusion von Bioprodukten in andere
Käuferschichten auf, die aber durch die jetzige Ausgestaltung nur
ansatzweise erschlossen werden. Zur besseren Ausschöpfung dieser Potentiale
erscheint eine Verbindung mit der Vermittlung weniger prägnanter Grundideen
notwendig. Die Potentiale für eine Verbreitung differenzierterer Inhalte
sind eher gering.
4. Stärken-Schwächen-Analyse der Bio-Supermärkte
Produktdiffusion: Die Hauptstärke für die Verbreitung von
Produkten liegt bei den Bio-Supermärkten in dem umfangreichen Angebot. Die
große Auswahl im Frische- und Trockensortiment und die Aufnahme von
Produktgruppen, die in herkömmlichen Naturkostläden eher selten sind,
motivieren die Kunden zu vermehrtem Konsum. So betreiben die Kieler und die
Berliner einen Shop-in-Shop-Frischfleischverkauf in Kooperation mit einem
regionalen Biofleischer. Alle Bio-Supermärkte vertreiben Drogerie-,
Kosmetik- und Reinigungsartikel und fördern hiermit umweltfreundliches
Einkaufen auch in anderen Bereichen. In dem Kieler Supermarkt werden die
Kunden durch Aktionstische zusätzlich an neue Produkte herangeführt.
Mit der Bereitstellung eines Komplettsortiments, der großzügigen
Gestaltung, dem Angebot von Einkaufswagen, der Nutzung von Scannerkassen
etc. knüpfen die Bio-Supermärkte an konventionelle Einkaufsgewohnheiten an
und tragen dazu bei, Zugangschwellen zu reduzieren. Die Betreiber/innen
aller untersuchten Supermärkte legen Wert darauf, dass die Belegschaft und
die Atmosphäre im Laden Offenheit für alle Kundengruppen signalisieren.
Die Berliner Supermärkte versuchen auch, sich in ihren Werbematerialien von
der herkömmlichen Aufmachung in der Naturkostszene zu unterscheiden und
betreiben offensiv Pressearbeit. Entsprechend ist es ihnen in kurzer Zeit
gelungen, einen großen Kundenkreis anzusprechen.
Bezüglich ihrer Preispolitik ähneln sich die Berliner und der Kieler
Supermarkt darin, dass sie beide regelmäßig Produkte mit Dauertief- und
Aktionspreisen anbieten. Während die Berliner Bio-Supermärkte sich
allerdings mit niedrigeren Preisen (als im Naturkostfachhandel) profilieren
wollen (und dies auch von den Kunden so wahrgenommen wird), lehnen die
Kieler Betreiber eine derartige Strategie ab.
Die Mischstrategie der Bio-Supermärkte bezüglich der Atmosphäre
"anonymer als im Naturkostladen, persönlicher als im konventionellen
Supermarkt" wird von den Kunden geschätzt. Hierzu gehört u.a. die
Präsentation von Berliner Künstlern in den Supermarkträumen. Durch das
kostenlose Angebot von Tee und Wasser in den Berliner Bio-Supermärkten wird
die Aufenthaltsqualität und -dauer der Kunden erhöht, was zu vermehrtem
Konsum führen kann. Positiv zu bewerten ist auch das Angebot in den
Berliner Supermärkten, auf Fragen und Kritik der Kunden mit einer
persönlichen Antwort per e-mail oder Telefon zu reagieren.
Eine Schwäche der Berliner Bio-Supermärkte im Rahmen der
Produktdiffusion ist, dass es ihnen bisher nur in geringem Umfang (2%)
gelungen ist, Neukunden anzusprechen. Der große Kundenstamm, der die Läden
regelmäßig besucht, besteht größtenteils aus Personen, die auch vorher
schon Bioprodukte in anderen Einkaufsstätten gekauft haben. Zur geringen
Ansprache von Nichtkunden trägt bei einer Filiale evtl. die relativ
unprofessionell gestaltete Ladenfront und die zurückhaltende
Außenpräsentation bei. Alle untersuchten Supermärkte verwenden nur ein
geringes Budget für Werbemaßnahmen, die demnach kaum dazu beitragen
können, diese Einkaufsform in breiteren Käuferschichten bekannt zu machen.
Im Gegensatz zu der Kieler Filiale stehen den Kunden in Berlin keine
Parkplätze zur Verfügung, was von einem Teil der konventionellen
Supermarkt-Kunden sicherlich erwartet wird.
In den Bio-Supermärkten werden häufig Lehrlinge ausgebildet und
teilweise Aushilfspersonal eingestellt. Die Fachkenntnis und Qualität der
Beratung sind demnach unterschiedlich. In einigen Filialen wird außerdem
der Eindruck vermittelt, dass seitens des Personals wenig Zeit für
Nachfragen zur Verfügung steht.
Ideendiffusion: Die Stärke des Kieler Bio-Supermarkts besteht in
diesem Bereich darin, dass ein breit gefächertes Informationsangebot für
die Kunden zur Verfügung steht, das unterschiedlichen Bedürfnissen
entgegenkommt. An der Fleisch-, Käse und Brottheke wird kurz über die
Herkunft der Produkte und die landwirtschaftlichen Betriebe informiert und
an der Kasse liegen kostenlose Faltblätter und Zeitschriften aus. Weiterhin
existiert ein Schwarzes Brett, an dem Angebote für gebrauchte Produkte,
Kurse, Wohnungen etc. ausgehängt werden können. Diese Bereiche wirken
relativ gut gepflegt und aktuell. Für Kunden, die ein differenziertes
Informationsbedürfnis haben, wird ein großes Sortiment an Büchern über
Ernährung, Landwirtschaft und Esoterik zum Kauf angeboten. Dieses wird
regelmäßig von einer Buchhändlerin aktualisiert und erfolgreich
vertrieben.
Eine weitere Stärke besteht in Berlin und Kiel in dem relativ
umfangreichen Angebot regionaler Produkte. Die Kieler nutzen ein sehr
übersichtliches Kennzeichnungssystem, das allerdings nur in
"deutsch", "europäisch" und "aus Übersee"
unterscheidet, eine zusätzliche Differenzierung "regional" oder
"aus Schleswig Holstein" fehlt. In beiden Märkten könnte das
Potential zur Vermittlung von Informationen über die Region besser genutzt
werden. Wie die Befragung zeigte, ist ein Teil der Kunden hierfür sehr
aufgeschlossen.
Der konsequenteren Nutzung der Potentiale zur Vermittlung von Ideen und
Informationen steht entgegen, dass die Betreiber/innen derartigen
Aktivitäten eher skeptisch gegenüber stehen. Alle befragten
Geschäftsführer/innen betonen, dass sie nicht missionieren bzw. die Kunden
von bestimmten Ideen überzeugen wollen. Eine der Berliner Filialen
verzichtet entsprechend völlig auf das Angebot von Informationsmaterial, in
einer anderen Filiale wird nur sehr wenig Material ausgelegt.
In der Kundenbefragung konnte nicht festgestellt werden, dass die
Supermarkt-Kunden für die Vermittlung von Ideen weniger aufgeschlossen sind
als andere Kundengruppen: in Märkten, in denen entsprechendes Material zur
Verfügung steht, wird dieses auch angenommen. Dass hier ungenutztes
Potential vorhanden ist, wird auch dadurch deutlich, dass die Kunden sich
teilweise längere Zeit im Laden aufhalten und sich die
Produkt-Informationen genau anschauen. Nicht förderlich ist dagegen der
Eindruck von Stress und Eingespanntsein des Personals in einigen Filialen.
Gesamtbewertung: Die Bio-Supermärkte weisen ein gutes Potential
für die Diffusion von Bioprodukten auf, sofern es ihnen in Zukunft gelingt,
einen noch höheren Anteil klassisches Supermarkt-Publikum zu gewinnen. Es
ist außerdem ein gewisses Potential für die Vermittlung von Informationen
und Ideen vorhanden, dessen Nutzung stark von der Motivation der jeweiligen
Betreiber abhängt.
Zusammenfassung der Stärken-Schwächen-Analyse
Zusammenfassend weisen alle untersuchten Einkaufsstätten Potentiale zur
Produkt- und Ideendiffusion auf, wobei es in der Gewichtung deutliche
Unterschiede gibt. Die Ökologischen Wochenmärkte, die durch die
Direktvermarktung am ehesten Ideen und emotionale Bezüge vermitteln
können, sind in ihrer jetzigen Form in ihrer Wirtschaftlichkeit gefährdet.
Zwar gelingt es ihnen, einen relativ hohen Anteil an Neukunden anzusprechen;
der Kundenstamm insgesamt ist aber zu klein, um dauerhaften Erfolg zu
gewährleisten. In den Bio-Supermärkten können beide Ziele erfolgreich
verbunden werden sofern die Betreiber/innen neben dem erfolgreichen Vertrieb
von Ökoprodukten auch das Ziel der Verbreitung von Informationen und Ideen
verfolgen. Dies wird an der Ausgestaltung des Kieler Bio-Supermarkts
deutlich. Relativ gleichgewichtig stellen sich die Potentiale für beide
Bereiche zur Zeit in den Einkaufsgemeinschaften dar, wobei für die
Betreiber/innen eindeutig der Produktvertrieb im Vordergrund steht. Die
Vermittlung von Ideen und Informationen erfolgt hier eher indirekt in Form
der Produkte (viele aus der Region), den Kooperationen mit anderen
Unternehmen und dem engen Bezug zwischen den Kunden und dem Personal. Die
Potentiale der Bioabteilungen im Kaufhaus hängen stark davon ab, wie
deutlich in diesem Bereich Zeichen gesetzt werden. Große Abteilungen mit
einem breiten Sortiment und guter Beratung weisen hohe Potentiale für die
Diffusion der Produkte in andere Käuferschichten auf, wobei der Erfolg
durch die Vermittlung einiger grundlegenden Informationen gesteigert werden
kann.
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