Von den Inaro-Webseiten:

 

 


Foto: Iful Müllheim

Maximale Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen zur Förderung regionaler Stoffkreisläufe - Beurteilung der Hemmnisse und Möglichkeiten auf dem Gebiet des Bauwesens



Entwurf: Architekturbüro Flügel

  Ergebnisse / Ausblick:
Projekt-Zwischenbericht über das Jahr 2000


Maximale Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen zur Förderung regionaler Stoffkreisläufe - Beurteilung der Hemmnisse und Möglichkeiten auf dem Gebiet des Bauwesens (REG 11)

Sabine Deimling und Reinhold Vetter
Institut für umweltgerechte Landbewirtschaftung Müllheim (IfuL)
Auf der Breite 7
79379 Müllheim / Baden
email: sabine.deimling@iful.bwl.de
 

Inhalt
 

1. Grundannahmen und Kriterien zur regionalen Nachhaltigkeit zu Beginn des Projektes
2. Zielsetzungen und Strategien zur Stärkung regionaler Nachhaltigkeit
3. Bisherige Ergebnisse
  3.1 Identifizierung sinnvoller Rohstoffe
  3.2 Abschätzung der Potentiale und Auswirkungen auf Agrarökosysteme
  3.3 Ökologische Bewertung der Rohstoffe
  3.4 Einsatzmöglichkeiten von nawaRo, Identifizierung von Werkstoffen
  3.5 Bilanzierung von Bauprodukten und Gebäuden aus nawaRo
  3.6 Analyse der Hemmfaktoren
4. Zwischenfazit
5. Empfehlungen

 


1. Grundannahmen und Kriterien zur regionalen Nachhaltigkeit zu Beginn des Projektes

Auf dem Gebiet des Bauwesens stellt die Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen (nawaRo) als Baustoffe, -produkte und -elemente ein bedeutendes Potential für eine nachhaltige Wirtschaftsweise dar. Man geht davon aus, dass der Anbau nachwachsender Rohstoffe mit umweltgerechten Verfahren sowie deren Verwendung im Baubereich einen nicht unerheblichen Beitrag leisten kann

  • zum globalen Klimaschutz durch die weitgehende CO2-Neutralität von nawaRo,
  • zur Schonung nicht erneuerbarer bzw. nur langfristig erneuerbarer Ressourcen,
  • zur Minderung verschiedenster Umweltbelastungen in den drei Phasen eines Gebäudes,
  • zur quantitativen Verringerung des Aufkommens nicht verwertbarer Abfälle,
  • zur qualitativen Veränderung der Bauabfälle in Richtung Wiederverwertung,
  • zur Reduzierung gesundheitlicher Beeinträchtigung durch Schadstoffe (Raumklima).

Grundsätzlich kann man davon ausgehen - und das zeigte sich in den letzten Jahren bereits bei der energetischen Nutzung nachwachsender Rohstoffe - dass eine standortgebundene Produktion von Rohstoffen mit anschließenden Möglichkeiten der lokalen Weiterverarbeitung zur stofflichen Nutzung ganz wesentlich zur Steigerung der Wertschöpfung in der Region und zur Stärkung regionaler Strukturen beiträgt. Bei Projektion verschiedener Nachhaltigkeitsaspekte auf die Region können dem Einsatz nachwachsender Rohstoffe im Bedürfnisfeld "Bauen" die folgenden Auswirkungen zugeschrieben werden, die zu einer Stärkung der regionalen Nachhaltigkeit beitragen:

  • Sicherung und Diversifizierung der Einkommensmöglichkeiten in der Landwirtschaft,
  • Förderung einer umweltgerechten Landbewirtschaftung,
  • Fortführung der Gestaltung und Pflege der Kulturlandschaft durch die Land- und Forstwirtschaft,
  • Sicherung der Ressourcenverfügbarkeit durch heimische Produkte,
  • Schaffung von längerfristig sicheren Arbeitsplätzen in vorwiegend klein- und mittelständischen Betrieben in Gewerbe, Handel und im Dienstleistungssektor der Region,
  • Verringerung der Stoffströme durch Reduzierung von Transportentfernungen bei regionaler Produktion, Verarbeitung, Nutzung und Wiederverwertung der Baustoffe,
  • Erhalt und wirtschaftliche Nutzung vorhandener Kapazitäten in der Region,
  • Einbringen innovativer Elemente und Stimulation strukturschwacher Gebiete.
  • Stärkung der persönlichen Identifizierung mit der Region, da Prozesse unmittelbarer ablaufen und für die beteiligten Akteure durchschaubarer und z.T. sogar steuerbar werden.



2. Zielsetzungen und Strategien zur Stärkung regionaler Nachhaltigkeit

Obwohl die Bevölkerung im Baubereich - auch aufgrund einiger Negativschlagzeilen wie z.B. im Zusammenhang mit Asbest, Lösungsmitteln und ähnlichen gesundheitsgefährdenden Baustoffen - sensibilisiert und interessiert ist, möglichst umweltfreundliche Produkte beim Hausbau zu verwenden, muss der Einsatz nachwachsender Rohstoffe im Bauwesen immer noch als eher gering bezeichnet werden. Damit ergibt sich der Ansatz für das Projekt.

Ziel des Vorhabens ist die Überprüfung, inwieweit - speziell im Hausbau - eine Nutzung von regional erzeugten und weiterverarbeiteten Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen aus ökologischen, ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten möglich ist und wie die Nutzung maximiert werden kann. Die Betrachtung erfolgt entlang des gesamten Lebensweges vom Anbau der Rohstoffe über den Einsatz im Hausbau, während der Nutzungs- und Instandhaltungsphase bis hin zum Rückbau des Gebäudes (Rezyklierbarkeit, energetische Verwertung bzw. Kompostierung). Daneben soll analysiert werden, warum sich die stoffliche Nutzung heimischer Rohstoffe im Bauwesen nur sehr langsam entwickelt (Hemmfaktoren) und mit welchen Strategien diese Entwicklungstendenz beschleunigt werden kann. Im einzelnen wird untersucht (kursiv dargestellt die methodische Vorgehensweise):

  • wie hoch das Potenzial und die Verfügbarkeit nachwachsender Rohstoffe in Land- und Forstwirtschaft einzuschätzen ist und welche ökologischen Auswirkungen ihre verstärkte Nutzung auf die Umwelt haben wird (Auswertungen statistischer Daten, eigene Berechnungen, Ökobilanzielle Abschätzungen der identifizierten Kulturarten),
  • welche sinnvollen Einsatzmöglichkeiten es für Baustoffe aus welchen nachwachsenden Rohstoffen beim Hausbau gibt (Sammeln und Auswerten von Produktdatenblättern, Listen der Erfahrungen und des ´Know How´ der beteiligten Praxispartner und Architektin),
  • welches die tatsächlichen Einsatzgrößen sind (Auswertung von Praxiserfahrungen und Praxisdaten, Berechnungen),
  • inwieweit und mit welchen Mitteln der stoffliche Einsatz nachwachsender Rohstoffe im Bauwesen maximiert werden kann (Ökobilanzielle Betrachtungen von bereits ökologisch ausgerichteten Praxishäusern im Vergleich zu einem durchschnittlichen 'Standardhaus' und verschiedenen 'Maximalhausvarianten', Berechnung von Maximierungsszenarien),
  • wie die Nutzung regional erzeugter und verarbeiteter, regenerierbarer Rohstoffe im Hausbau zur Verbesserung der regionalen Stoffkreisläufe beiträgt (Recherche und Abschätzung der Massenströme der verschiedenen Haustypen im Vergleich),
  • welche Hemmfaktoren beim Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen im Bauwesen bei der Rohstoffproduktion, Verarbeitung, am Markt (Hersteller, Händler, Architekten und Bauherrn), in der Gesetzgebung sowie im sozio-kulturellen Bereich (z.B. Image) bestehen (Analyse der Hemmfaktoren für den fehlenden umfassenden Einsatz erneuerbarer Rohstoffe durch eine Expertenbefragung (Akteure entlang des Lebensweges, abgebildet durch die Projektgruppe), Expertisen im Bereich des Baurechts, Auswertung der Bauanfragen an das IfuL, Diskussionen mit der interessierten Fachöffentlichkeit und potentiellen Baufamilien sowie der Vergleich mit ähnlichen Analysen in anderen Bedürfnisfeldern),
  • wo mögliche Lösungsansätze zur Überwindung der identifizierten Hemmfaktoren liegen und mit welchen Strategien diese umgesetzt werden können (Formulierung von notwendigen Rahmenbedingungen und Instrumentarien).




3. Bisherige Ergebnisse

  1. Identifizierung sinnvoller Rohstoffe

Aus der Palette land- und forstwirtschaftlicher Kulturarten wurden diejenigen Kulturarten ausgewählt, die nach Einschätzung der Projektgruppe und nach Analyse der bereits am Markt verfügbaren Bauprodukte die größtmöglichen Potenziale für den Einsatz im Hausbau haben. Bei der Eingrenzung wurden die drei wesentlichen Produktgruppen Fasern (Hanf, Flachs, Weizenstroh), Öle (Lein, Sonnenblume, Raps) und Stärke/Zucker (Mais, Kartoffel, Zuckerrübe) berücksichtigt und vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (IFEU) ökobilanziell abgeschätzt. Als tierisches Produkt wurde das Bienenwachs ausgewählt. Obwohl Kulturarten bzw. Produkte wie Baumwolle, Sisal, Kokos und Kork durchaus als nachwachsende Rohstoffe im Hausbau verwendet werden, blieben diese unberücksichtigt, da sie nicht regional von der Landwirtschaft produziert werden können. Die Anzahl der im Hausbau verwendbaren Hölzer bzw. Baumarten aus heimischer Produktion ist groß und deren Einsatzbereiche vielfältig. Bisher wurden vom Institut für Kunststoffprüfung und Kunststoffkunde der Universität Stuttgart (IKP) Grobbilanzierungen für die Klassen "Harthölzer" bzw. "Weichhölzer" vorgenommen. Im nächsten Schritt wird für jede forstwirtschaftlichen Kulturart eine separate Abschätzung für den Bereich der Holzproduktion und Verarbeitung durchgeführt.


  1. Abschätzung der Potenziale und Auswirkungen auf Agrarökosysteme

Die Abschätzung der Potenziale hat ergeben, dass durch den Einsatz nachwachsender Rohstoffe im Hausbau bei der derzeitigen Entwicklung des Marktanteils ökologischer Haustypen (und auch bei einer deutlichen Steigerung) kein Engpass bei den nachwachsenden Rohstoffen zu erwarten ist. Dies wird am besten an einem Zahlenbeispiel deutlich: Ausgehend von 1 % der in Deutschland zur Verfügung stehenden Ackerfläche von etwa 11.8 Mio. Hektar könnten, sofern Hanf auf diesen Flächen ausschließlich zur Dämmstoffproduktion angebaut würde, jährlich etwa 100 000 Einfamilienhäuser mit Dämmstoffen aus dem nachwachsenden Rohstoff Hanf gedämmt werden.

Negative Auswirkungen auf Agrarökosysteme sind nicht zu befürchten. Durch den Anbau nachwachsender Rohstoffe ist eher davon auszugehen, dass es im Vergleich zur derzeitigen Agrarstruktur zu positiven Auswirkungen kommen kann. Ein zunehmender Anbau nachwachsender Rohstoffe wie Hanf, Lein oder diverser Färberpflanzen führt zur Steigerung der Kulturartenvielfalt, was wiederum die Erweiterung der Fruchtfolge nach sich zieht. Beim Anbau einiger nachwachsender Rohstoffe sind die Aufwendungen beispielsweise an Pflanzenschutzmitteln deutlich reduziert oder sogar überflüssig.


 

  1. Ökologische Bewertung der Rohstoffe

Das IFEU führte eine Sachbilanz und Wirkungsabschätzung im Rahmen der ganzheitlichen Ökobilanzierung für die von der gesamten Projektgruppe festgelegten, landwirtschaftlich produzierten, nachwachsenden Rohstoffe durch. Die gesamten Lebenswege der Rohstoffe und eventueller Vorprodukte sind dabei berücksichtigt. Den Berechnungen sind durchschnittliche Verhältnisse zugrunde gelegt. Räumliche Schnittstelle der Bilanzierungsaufgaben zwischen dem IKP und dem IFEU ist die Feldgrenze (Abtransport des Erntegutes) für die Kulturen Hanf, Flachs und Weizenstroh sowie für Kartoffeln und Zuckerrüben. Für einzelne Kulturen übernahm das IFEU, wie im Laufe des Projektfortschritts zusätzlich vereinbart, auch die Bilanzierung der Weiterverarbeitung einiger landwirtschaftlicher Produkte. Dies ist der Fall bei Mais bis einschließlich der Stärkeproduktion und bei Lein, Sonnenblume und Raps bis zum raffinierten Öl ab Fabriktor. Wie mit Bienenwachs umzugehen ist, muss noch geklärt werden. Die diversen ökologischen Parameter wie Ressourcenverbrauch, Treibhauspotenzial, Versauerungspotenzial oder auch Eutrophierungspotenzial wurden in Abstimmung mit dem IKP gleich so erhoben, berechnet und zusammengeführt, dass die Ergebnisse direkt vom IKP für die weitere Bilanzierung übernommen werden können.

Zunächst wurden so genannte Grobbilanzierungen zur Abschätzung der Umweltwirkungen erstellt. Darauf aufbauend sind für alle Produkte entsprechende Detailbilanzen durchgeführt worden. Zusätzlich wurden diverse Sensitivitätsanalysen vorgenommen, u. a. mit unterschiedlichen agrarischen Referenzsystemen, um deren Einfluss auf die Ökobilanz der Bereitstellung der nachwachsenden Rohstoffe darzustellen.

In sämtlichen bilanzierten Kulturen erweist sich über die quantitativ erfassten Umweltwirkungskategorien der Einsatz von Stickstoffdünger als bedeutende bis dominante Einflussgröße. Das resultiert je nach Wirkungskategorie aus dem Herstellungsaufwand bzw. den Ammoniakemissionen bei dessen Zersetzung. Aus der Weiterverarbeitung der Ölsaaten ergeben sich vergleichsweise geringe Auswirkungen; sie machen maximal die Hälfte der Belastungen aus der Landwirtschaft aus. Dies hängt mit zum Teil gegenläufigen Effekten zusammen. Einerseits entsteht ein Aufwand durch die Weiterverarbeitung, andererseits gibt es Gutschriften durch die Entstehung und Nutzung von Kuppelprodukten. Die Umweltrelevanz einzelner Prozesse in Landwirtschaft und Weiterverarbeitung kann abschließend jedoch erst in Relation zum ganzen bilanzierten Lebensweg der Gebäude durch das IKP beurteilt werden.


  1. Einsatzmöglichkeiten von nawaRo, Identifizierung von Werkstoffen

Grundlage der Maximierung nachwachsender Rohstoffe ist die Darstellung der Möglichkeiten, an welchen Stellen beim Hausbau Produkte aus nawaRo einsetzbar sind und welche Produktalternativen auf der Basis welcher Rohstoffe Verwendung finden können. Dazu wurde eine Recherche zu Baustoffen aus nachwachsenden Rohstoffen durchgeführt. Für jedes Bauelement (Fußboden, Wand, Zwischendecke, Dach, Fenster, Türen etc.) wurde der materielle Aufbau (z. B. Dampfsperre, Trittschallstreifen, Kreuzlattung, Hohlraumdämmung, Massivholzboden) definiert und mit entsprechenden Werkstoffen aus nawaRo (z.B. Fichte, Hanf, Ahorn) hinterlegt. Zu jedem Produkt wurden zusätzlich dessen produktbezogene Eigenschaften und Besonderheiten spezifiziert. Sämtliche Daten und Informationen liegen jetzt in einer zusammengefassten Bauprodukten- und Werkstoffliste vor. In dieser sind die Kriterien "regional", "nachwachsend", "marktgängig" und "relevant in Bezug auf induzierte Stoffströme und potenziell positive Umweltwirkungen" berücksichtigt.

Die Untersuchungen verdeutlichen, dass Holz der nawaRo mit der größten Bedeutung ist und auch bleiben wird. Faserpflanzen spielen hauptsächlich im Dämmbereich eine Rolle, Öle finden in Anstrichen, Farben und Linoleum-Böden, Stärke/Zucker in Klebstoffen Verwendung. Es wurden nur wenige Baustoffe identifiziert, die nicht aus nachwachsenden Rohstoffen herstellbar sind bzw. bei denen dies aus technischer Sicht keinen Sinn macht. Einige wenige Baustoffe sind zwar nawaRo, nicht aber aus heimischen Pflanzen hergestellt.


  1. Bilanzierung von Bauprodukten und Gebäuden aus nachwachsenden Rohstoffen

Nach intensivem Austausch zwischen den Projektpartnern und unter Berücksichtigung vorformulierter Anforderungen wurde von der im Projekt beteiligten Architektin der Basisentwurf einer Doppelhaushälfte erstellt, der Grundlage für die weiteren Bilanzierungen darstellt. Aufbauend auf die Datenbank des IKP wurde ein sogenanntes ´Standardhaus´ als Referenz definiert, das wiederspiegelt, wie der Basisentwurf mit den heute meist verwendetsten Materialien umgesetzt würde. Die drei Praxispartner (SchwörerHaus, Dobslaw, Ökohaus Ibach) haben ihr ´Praxishaus´ definiert, d.h. ihre Lösungen zur Umsetzung des Basisentwurfs eingebracht. Beim IKP erfolgte dann die Analyse der Konstruktionen unter Berücksichtigung der Stoffströme und darauf aufbauend die ökobilanziellen Abschätzungen zur Identifikation von Verbesserungsmöglichkeiten der Praxishäuser unter den jeweiligen Randbedingungen. Als dritte Komponente wurde ein generisches ´Maximalhaus´ als Idealbild definiert, welches mit Hilfe der Ökobilanz-Abschätzungen validiert wird (verschiedene Varianten, z.T. unter Berücksichtigung von Neuentwicklungen auf dem Baustoffmarkt), um im Projektverlauf zur ´optimalen´ Maximalversion zu gelangen.


Die ökobilanziellen Abschätzungen werden mit der vom IKP entwickelten Software Build it mit integrierter Datenbank für die Konstruktionen und Baustoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe vorgenommen. Die Auswahl dieser zusätzlichen Baustoffe erfolgte entsprechend nachvollziehbarer Kriterien (vgl. Abschnitt 3.4) im Projektverlauf und unter Beteiligung der gesamten Projektgruppe. Zur Klärung der "Relevanz" zusätzlich zu bilanzierender Baustoffe wurde mit Build it der Entwurf einer Maximalhausvariante in Bezug auf die induzierten Stoffströme, also den Bedarf an Baustoffen, untersucht. Auf Grundlage der oben dargestellten Kriterien wurde die im Projekt erstellte Bauproduktenliste analysiert und die damit für die Bilanzierung relevanten Bauprodukte identifiziert. Zur Zeit sind noch verschiedene Konstruktionsvarianten des Maximalhauses in der Diskussion, da deren Bewertung in Bezug auf regionale Nachhaltigkeit noch nicht abgeschlossen ist. Abbildung 1 zeigt die Aufteilung der Massen des aktuellen Maximalhauses (Basis Rohbau, ohne Bodenplatte) als Ausgangsbasis für die weiteren Überlegungen.

                   
Dampfbremse (Baupappe)
+ Holzweichfaserplatte
1,6%
      Schnittholz (technisch getrocknet)
53,6%
 
       
                   
Zellulosefaser Flocken
15,9%
               
 
Spanplatte (PUR)
13,8%
     
  Betondachsteine
13,7%
             
  Fenster + Polyethylen
+ Stahlkleinteile verzinkt
1,4%
     

Abbildung 1: Massenanalyse eines Maximalhauses



Tabelle 1 zeigt die Aufteilung in Baustoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe und konventioneller Baustoffe. Bei der betrachteten Ausführung sind bereits ca. 27.400 kg Baustoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe, oder 85 % verbaut. Fenster und Türen sind noch nicht berücksichtigt. Eine Steigerung um 1 % würde einen induzierten Stoffstrom von ca. 300 kg erfordern. Diese Betrachtung unterstreicht zunächst die Grundannahme, dass vor allem im Bereich der Baukonstruktion die Hauptmassen bewegt werden, und hier die entsprechenden Einsatzgebiete von nachwachsenden Rohstoffen geschaffen werden müssen. Das Argument der Förderung regionaler Stoffkreisläufe darf jedoch nicht vor dem Hintergrund einer isolierten Stoffstromanalyse betrachtet werden.

Tabelle 1: Aufteilung der Hauptwerkstoffe des betrachteten Maximalhauses in die Gruppen nachwachsende und konventionelle Rohstoffbasis

Baustoff Masse
(kg)
Masse nawaRo vs. konventionell (kg) Anteile
(%)
Zellulosefaserflocken 5097    
Dampfbremse (Baupappe) 73    
Holz - Weichfaserplatte 441 27254 85
Schnittholz /technisch getrocknet 17196    
Spanplatte (PUR) 4448    
Polyethylen 25    
Betondachsteine 4406 4733 15
Stahlkleinteile verzinkt 302    
Summe 31987 31987 100

Günstige Umwelteffekte durch die Substitution hochveredelter konventioneller Produkte und das damit verbundene Wertschöpfungspotential rechtfertigen, auch kleinere Mengen mit in die Betrachtung einzubeziehen. Am Beispiel der Beschichtungen mit Naturharzlasuren wurde folgende Betrachtung diskutiert:

Um wesentliche Flächen des Maximalhauses (200 m²) mit Leinöl-basiertem Naturharzöl einzulassen, werden auf Basis einer Abschätzung ca. 9 kg Öl verbraucht. Dies entspricht einer Steigerung des Einsatzes an nachwachsenden Rohstoffen um 0,03%. Die Substitution von wesentlich umweltbelastenderen Lacken rechtfertigt jedoch die weitere Betrachtung dieser Stoffgruppe im Projekt.


  1. Analyse der Hemmfaktoren

Die Hemmnisanalyse wurde mit dem Ziel verfolgt, die Ursachen für die bisher verhaltene Verwendung von Bauprodukten auf der Basis nachwachsender Rohstoffe zu identifizieren und zu charakterisieren. Dabei wird der komplette Lebensweg der nachwachsenden Rohstoffe betrachtet. Auf diese Hemmnisanalyse aufbauend werden Lösungsansätze zur Überwindung der bestehenden Hemmfaktoren entwickelt. Diese Ansätze bilden die Basis für innovative Konzepte und Strategien zur Förderung des nachhaltigen Bauens.

Die Betrachtung der Hemmnisse erfolgte auf verschiedenen Ebenen. Exemplarisch werden zu diesen Ebenen an dieser Stelle stichwortartig einige wenige Hemmfaktoren benannt.

  • Landwirtschaft und Forstwirtschaft (Qualitätskonstanz und Homogenität eines Naturproduktes)
  • Rohstoffaufbereitung (z.T. neue technische Entwicklungen notwendig)
  • Baustoffproduktion (Diskrepanz zwischen der typischen Unternehmensgröße der Anbieter und der teuren Zulassungswege, technische Eigenschaften wie Brandverhalten, Diskrepanz zwischen Mess- und Rechenwert der Wärmeleitfähigkeit)
  • Baustoffhandel (zu kleiner Markt, Preis)
  • Baurecht (Gewährleistung, Produkthaftung)
  • Baufirmen/Handwerk (Wissensdefizite über Produkteigenschaften, fehlende Markttransparenz)
  • Architektur und Bauherrschaft (zur Verfügung stehende Informationen, Image, Preis)
  • Gebäudenutzung (Pflege/Instandhaltung, Eigentümer/Mieter)
  • Gebäuderückbau (keine Internalisierung der Entsorgungskosten, fehlende Aufklärung der Bauherren und Architekten hinsichtlich der nach heutigem Kenntnisstand auftretenden negativen Effekte und Kosten bei der Entsorgung von Baumaterialien)

Die große Anzahl der entlang des Produkt-Lebensweges beteiligten Akteure ist verantwortlich für die Vielfalt der identifizierten Hemmfaktoren. Über den gesamten Lebenszyklus hinweg konnte bei den Akteuren ein erhebliches Informations- und Wissensdefizit als Hemmfaktor identifiziert werden. Als noch gravierender hat sich ein Mangel an Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteursgruppen herausgestellt.

Die meisten der derzeit erarbeiteten Lösungsansätze zielen deshalb auf die Verbesserung der Kommunikation und der Information ab. Es werden darüber hinaus die Bereiche konkretisiert, in denen weiterer Forschungsbedarf zur Deckung von Wissenslücken besteht. Andere Strategien zum Hemmnisabbau (z.B. Maßnahmen zur Imageverbesserung, Einführung von speziellen Anreizprogrammen auf Bundes- und Länderebene, Richtlinien zur Berücksichtigung von nachwachsenden Rohstoffen bzw. des nachhaltigen Bauens in öffentlichen Ausschreibungen, Änderung der Honorarordnung für Architekten etc.) sind angedacht (siehe auch Punkt 5).



4. Zwischenfazit

In Zusammenarbeit mit den beteiligten regionalen Partnern aus Wirtschaft, Handwerk und Wissenschaft wurde aufgezeigt, wo beim Hausbau der Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen möglich ist. Inwieweit nachwachsende Rohstoffe maximiert werden können, werden die ökobilanziellen Abschätzungen ergeben, die bis Mai diesen Jahres fertiggestellt sein werden. Die Interpretation der Daten sowie die Abschätzung der Auswirkung hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung werden im Anschluss erfolgen. Die wesentlichen Hemmfaktoren konnten bereits identifiziert werden. Derzeit werden Strategien erarbeitet und formuliert, die zum Abbau der Hemmnisse beitragen.

Ein Beispiel für die ersten Ansätze einer direkten Umsetzung von Projektergebnissen in Richtung regionaler Nachhaltigkeit ist die erstmalige Ausstattung eines Musterhauses des Projektpartners Fa. SchwörerHaus mit einer Hanfdämmung und der Eingang eines ersten Auftrages für die Umsetzung eines Hanf-gedämmten Hauses durch einen privaten Bauherrn. Die technischen Untersuchungen bei der Fa. SchwörerHaus haben ergeben, dass der neue Hanfdämmstoff nach Vornahme kleinerer produktionsbedingter Veränderungen alternativ in die Fertighäuser eingebaut werden kann und dem Kunden wahlweise eine Hausdämmung aus nachwachsenden Rohstoffen angeboten werden kann. Wir gehen davon aus, dass durch solche Maßnahmen eine regionale, umweltgerechte Wirtschaftsweise unterstützt wird, die gleichzeitig Wettbewerbsvorteile bieten kann.

Ein Teil der Projektergebnisse konnte bereits in begrenztem Rahmen nach außen kommuniziert werden. Bei Auftritten des IfuL im Rahmen seiner üblichen Öffentlichkeitsarbeit auf Landesgartenschauen und Messen sowie in Interviews und Vorträgen wurde das Thema "Nachwachsende Rohstoffe im Bauwesen" dargestellt. Adressaten waren hier die breite Öffentlichkeit, potenzielle Baufamilien und Architekten. Im Rahmen eines Journalistenseminars in Zusammenarbeit mit der Fa. SchwörerHaus und dem Bundesverband deutscher Fertigbau e.V. wurde das Thema an Multiplikatoren herangebracht. Die positiven Reaktionen auf die diversen Zeitungs- und Rundfunkmeldungen verdeutlichen, welch hoher Bedarf an unabhängiger Information nicht nur in der breiten Bevölkerung, sondern auch bei Landwirten, Architekten, Handwerkern, Vertretern öffentlicher Belange besteht. Im bisherigen Projektverlauf wurde überdeutlich, dass dieser überregionale Informations- und Kommunikationsbedarf durch die am Projekt beteiligten Partner im Rahmen der normalen Projektarbeit nicht annähernd gedeckt werden kann.


5. Empfehlungen

Nach dem derzeitigen Stand der Projektbearbeitung können die folgenden Empfehlungen für die weitere wissenschaftliche Arbeit abgeleitet werden:

  • Verlängerung des Zeithorizontes für die Kommunikation der erarbeiteten Projekterfahrung nach außen
  • Initiierung wissenschaftlicher Forschungsprojekte mit Beteiligung der Praxis zur Verbesserung bestehender bzw. zur Entwicklung neuer Baustoffe auf der Basis nachwachsender Rohstoffe
  • Nähere Betrachtung der durch das Bauwesen verursachten Abfallproblematik
  • Vertiefung und Erweiterung der ökobilanziellen Betrachtungen von Baustoffen und Konstruktionen
  • Definition von Indikatoren für nachhaltiges Bauen
  • Erarbeitung von Handreichungen für Akteure der lokalen AGENDA 21 Prozesse
  • Entwicklung einer regionalen Plattform zur Verbesserung der Kommunikation und zur Vernetzung von Akteuren

Nach den bisherigen Projekterfahrungen - vor allen Dingen in und mit der Praxis - ergeben sich die folgenden Ansätze zur praktischen Umsetzung:

  • Einrichtung einer unabhängigen Informationsstelle
  • Durchführung von Aktionsprogrammen und Fortbildungsmaßnahmen zur Beseitigung der identifizierten enormen Informationsdefizite (Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern)
  • Kommunikation der Entsorgungsproblematik
  • Stärkere Berücksichtigung der Baustoffe aus nawaRo bei öffentlichen Bauausschreibungen
  • Einrichtung von Markteinführungsprogrammen für Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen
  • Einführung von Anreizprogrammen für Bauherren zur Senkung der höheren Baukosten

 

Diese Seiten wurden von iful entwickelt und auf ihren Seiten eingestellt. Dies ist eine Kopie

 
 
Suche Inhalt News Regionen-
karte
Modell-
projekte
Synthese-
projekt
Nachhaltiges
Wirtschaften
Home

    copyright by ISOE
Webmaster: krautter@isoe.de
Stand: 06.03.03