Nachhaltige Wirtschaftsansätze für Ver- und Entsorgungssysteme in der Gemeinschaftsverpflegung 
- Produkte aus der Region für die Region - 

Die Vision einer Wirtschaftsstruktur, welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generationen befriedigt, ohne die natürlichen Voraussetzungen zu zerstören, die zur Deckung der Bedürfnisse kommender Generationen benötigt werden, besitzt eine hohe Attraktivität, weil sie die sonst so oft als gegensätzlich eingeordneten Begriffe von Ökonomie und Ökologie miteinander verzahnt und eine allgemein akzeptable Verteilungsregel zwischen den Generationen postuliert. Die Attraktivität wird jedoch allzu oft dadurch erkauft, dass die Frage nach der prinzipiellen Einlösbarkeit dieser Kombinationsformel beiseite gelassen wird und es dem Benutzer frei bleibt, welcher der beiden Komponenten er mehr Gewicht beimisst. »Nachhaltiges Wirtschaften« erfordert aber weitaus mehr, nämlich eine möglichst präzise Konzeptbeschreibung und eine bis ins Detail vorgenommene Operationalisierung, die zwar Flexibilität in der Umsetzung, aber keineswegs Beliebigkeit voraussetzt, und die zugleich einen weiten Begründungsrahmen aufweist, um über die Interessen der verschiedenen Akteure hinaus allgemein konsensfähig zu sein.

Ziel

Übergeordnetes Ziel des vorliegenden Modellprojektes ist es, mit klarer Vorgabe der praktischen und wirtschaftlichen Umsetzung die Entwicklung umweltgerechter, innovativer Produkte, Produktionsverfahren, Nutzungs- und Organisationsformen voranzutreiben. Dabei sollen mit Blick auf die gesellschaftlichen Hintergründe und Zusammenhänge ein Beitrag für Nachhaltige Wirtschaftsansätze geleistet und Visionen für eine dauerhaft umweltgerechte sowie sozial verträgliche Entwicklung erarbeitet werden. Am Fallbeispiel der Gemeinschaftsverpflegung in einem konkreten Untersuchungsraum soll ein nachhaltiges Realisierungskonzept entstehen, das aufgrund seines Innovationsgrades, seiner Verallgemeinerungsfähigkeit und nicht zuletzt seiner praktischen Umsetzbarkeit ein Modellprojekt für Nachhaltiges Wirtschaften werden kann.

Ausgangssituation

Die Daseinsgrundfunktion »sich ernähren« ist nicht nur eine Kardinalfrage der globalen Verteilungsgerechtigkeit, sondern auch Indikator eines weltweiten Nord-Süd-Gefälles. Auf regionaler Ebene, zumal in den Staaten, die nicht von existentiellen Nöten bedroht sind, bietet das Bedürfnisfeld »Ernährung« eine beträchtliche Chance zur Operationalisierung Nachhaltigen Wirtschaftens, verbunden mit der Möglichkeit, auch auf lokaler Ebene intergenerationelle Verantwortung zu übernehmen. Welches Handlungspotential das Bedürfnisfeld »Ernährung« in Bezug auf das zugrunde liegende Nachhaltigkeitsverständnis bietet, veranschaulichen folgenden Ausführungen:

Trotz eines Selbstversorgungsgrades mit Nahrungsmitteln im Durchschnitt aller Agrarprodukte von 92% war Deutschland 1995 nach den USA der zweitgrößte Nahrungsmittelimporteur und fünftgrößte -exporteur im Welthandel. Von den in Deutschland verkauften Produkten der Lebensmittelindustrie gehen mehr als 30%, das entspricht einer jährlichen Umsatzsumme von rund 74 Mrd. DM, in den Bereich der Gastronomie und der Gemeinschaftsverpflegung, hier vor allem in Krankenhäuser, (Alten)Heime, Mensen und Betriebskantinen. In den o.a. rund 40.000 Gemeinschaftsverpflegungseinrichtungen werden durchschnittlich 13 Mio. Essen täglich zubereitet, die einen Waren- und Verpackungsstrom von etwa 10.000 Tonnen verursachen. 

Die Deutschen Studentenwerke wiederum, deren gesetzlich zugeschriebene Aufgabe die wirtschaftliche und soziale Förderung der Studierenden an deutschen Hochschulen ist, sind als Betreiber von insgesamt 362 Mensen der größte Gemeinschaftsverpfleger in Deutschland. Bei der Zubereitung von jährlich etwa 84 Mio. Essen (Æ 720.000 Essen pro Semestertag) für insgesamt 1,8 Mio. Studierende verfolgen die Studentenwerke das Ziel, eine quantitativ und qualitativ an den Anforderungen der modernen Ernährungsphysiologie ausgerichtete Verpflegung zu sozialverträglichen Preisen zu gewährleisten.

Die 66 deutschen Studentenwerke sind als Anstalten öffentlichen Rechts organisiert und stehen in einem besonderen Spannungsfeld zwischen ökonomischer Selbständigkeit mit bundeslandspezifischer Subventionierung, sozialem Auftrag und ökologischer Verantwortung. Einerseits vollzieht sich neben einem stetigen Wandel im individuellen Konsumverhalten - Ernährung ist heute Lebensqualität und nicht mehr nur die Aufrechterhaltung der körperlichen Leistungsfähigkeit - auch ein gerade an Hochschulen verstärkt stattfindender Prozess der ökologischen Bewusstseinsbildung. Andererseits gehen mit der Essensbereitstellung in Großküchen vielfältige Umweltwirkungen durch die Ver- und Entsorgung mit Nahrungsmitteln unterschiedlichster ökologischer und sozialer Herkunft einher, die die ganzheitliche Verknüpfung eines regionalen Nachhaltigkeitsansatzes und des ausgewählten Bedürfnisfeldes »Ernährung« erfordern.

Forschungsgegenstand

Ver- und Entsorgungssysteme sind darauf hin angelegt, der Nachfrage im Rahmen des Grundbedürfnisses »sich ernähren« nachzukommen. Da sie aber auf die nur begrenzt vorhandenen Ressourcen angewiesen sind und mit den nachteiligen Folgen von Umwandlungsprozessen zu kämpfen haben, müssen sie über die reinen Konsumwünsche der Humangesellschaft hinaus die Fähigkeiten entwickeln, aus ihrer Umgebung dauerhaft arbeitsfähige Ressourcen zu akkumulieren (Produkte aus der Region für die Region) und Reststoffe nicht eigenschädlich freizusetzen. Sofern sich die Ver- und Entsorgung in Teilräumen möglichst autark organisiert und auf ausgeglichene Energie- und Stoffbilanzen setzt, hat sie also eine Chance, dem Ziel der Nachhaltigkeit gerecht zu werden. 

Wirtschaftliche Entscheidungen bzw. Fehlentscheidungen auf dem Gebiet der Ver- und Entsorgungswirtschaft können die nachhaltige (räumliche) Entwicklung erheblich fördern oder beeinträchtigen. Dabei entziehen sich jedoch viele Entscheidungsschritte einer reinen Kostenbewertung, weil sie aus Gründen der Durchsetzbarkeit, der Akzeptanz oder Rücksicht auf gesellschaftspolitische Ziele anders gewichtet werden. 

Dementsprechend kommt es zu Korrekturen an Aufbau und Funktion der Ver- und Entsorgungssysteme in der Gemeinschaftsverpflegung, denen beachtliche, zukünftig sogar erheblich gesteigerte Flexibilität abverlangt wird (Harmonisierung von neu entstehenden Leitbildern eines Nachhaltigen Wirtschaftens und Wandel des gesellschaftlichen Konsumverhaltens). Unter dem Regime vor allem sozialer und ökonomisch ökologisch begründeter Zwänge wird es zukünftig zu deutlichen Veränderungen der Systemstrukturen kommen.

Forschungshypothese

Die Forschungspartner sehen im Aufbau regionaler Ver- und Entsorgungszentren für den Bereich der Gemeinschaftsverpflegung ein beträchtliches Potential für die Etablierung Nachhaltiger Wirtschaftsansätze im Bedürfnisfeld »Ernährung«.

Möglichkeiten wie 

  • die Bündelung von Warenströmen,
  • die konsequente Einbindung regionaler Produkte,
  • die Entwicklung neuer Abnahme- und Lieferbeziehungen mit Anbietern ökologischer Nahrungsmittel (k.b.A. und artgerechte Tierhaltung),
  • die zentrale Vorbereitung von Tiefkühl- und Convenience-Produkten,
  • die verbesserte Gestaltung von Gebindegrößen und (Mehrweg)-Verpackungssystemen sowie
  • der Einsatz neuer Vorbereitungs- und Kochtechnologien
können zu einer neuen Dynamik in einer Region verbunden mit ökonomischen, ökologischen und sozialen Innovationen führen. Ziele des vorliegenden Forschungsvorhabens sind daher: Die Untersuchung der o.a. Hypothese, die Durchführung einer Machbarkeitsstudie sowie die Überprüfung der Übertragbarkeit auf andere Regionen auf der Basis eines zu präzisierenden regionalen Nachhaltigkeitsverständnisses. 

 

 
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Stand: 06.03.03