Nachdem Neue Technologien heute auch kleinen und mittleren Betrieben zur
Verfügung stehen, ist eine erneute Konkurrenzfähigkeit der handwerklichen
Produktion in Reichweite, vor allem dann, wenn die Möbel direkt ab
Werkstatt vermarktet werden. Weitere Fortschritte der neuen
Fertigungstechnologien begünstigt das Konzept der neohandwerklichen
Multi-Customization. Nicht nur computergesteuerte Holzbearbeitungszentren
werden in Zukunft preiswerter, leistungsfähiger und bedienungsfreundlicher.
Auch Bleche lassen sich durch Formstanzen oder Laserstrahlschneider nach dem
Muster des "neuen Handwerks" anfertigen, Wasserstrahlschneider
erlauben die kostengünstige Bearbeitung von Stein und mit 3D-Plottern sind
in Zukunft sogar Kunststoff- und Metallteile kundenindividuell zu fertigen.
Zudem erlaubt das Internet neue Designprozesse und verspricht damit auch den
Mangel an Produktentwürfen für die neohandwerkliche Produktion zu
überwinden. Während das traditionelle Handwerk keine Designaufträge
vergeben konnte, da die Kosten der Produktentwicklung und Gestaltung nicht
über das Einzelstück zu finanzieren sind, lassen sich die digitalen
Entwürfe und Fertigungsprogramme als "virtuelle Produkte" online
an viele dezentrale Hersteller verkaufen oder in einem "elektronischen
Musterbuch" global vermarkten. Damit werden Produktinnovationen und
Designleistungen auch für die dezentrale Einzelstückfertigung
erschwinglich.
Doch die Tatsache, dass eine solche Produktionsweise technisch und
ökonomisch möglich ist und auch die Nachfrageseite sich schon seit langem
in diese Richtung entwickelt, bedeutet noch nicht, dass sie als Angebot an
die Region bereits existiert oder dass die Region solche Angebote wahrnimmt.
Es müssen weitere Voraussetzungen und Rahmenbedingungen gegeben sein, um
die Chancen für eine regionalisierte handwerkliche Möbelproduktion zu
nutzen:
1. Neue Technologie
Wie der designgeschichtliche Exkurs über handwerkliche
Widerstandsbewegungen (Arts and Crafts, "alternatives Handwerk",
"Neues Deutsches Design") gegen die Industriekultur belegt,
scheiterten diese Strömungen u.a. an der technisch-ökonomischen
Unterlegenheit der handwerklichen Produktionsweise. Als eine zentrale
Voraussetzung für die Innovation und Stärkung der regionalen
handwerklichen Möbelfertigung erscheint daher die technische Innovation des
Handwerks durch den Einsatz der neuen digitalen Technologie. Ihr kommt eine
Schlüsselfunktion zu, da sie zur Kostensenkung beiträgt, überbetriebliche
Kooperationen unterstützt und grundlegend neue Vertriebs- und
Marketingkonzepte ermöglicht.
Als Universalwerkzeuge zeichnen sich CNC-gesteuerte Werkzeuge durch flexible
und multifunktionale Anwendungsmöglichkeiten aus und sind insbesondere auch
für kleinere Leistungsvolumina und die Fertigung von hochkomplexen
Einzelstücken profitabel.
Wie die Recherche weiterhin zeigt, wird die technische Leistungsfähigkeit
der neuen Werkzeuge von Tischlerbetrieben bisher nicht annähernd
ausgenutzt. Mit Maschinen, die hochkomplexe dreidimensionale Formen fräsen
können, werden überwiegend simple Kastenmöbel gefertigt - eine
Diskrepanz, die mit der bereits absehbaren Weiterentwicklung der neuen
Fertigungstechnologie (von der üblichen 3-achsigen Tischlerfräse über die
5-achsige Maschine bis hin zu Tripoden und Hexapoden) sich mangels
geeigneter Produktentwürfe weiter vergrößern wird.
Darüber hinaus zeichnet sich bereits ab, dass die technologische
Entwicklung über die traditionellen Grenzen des Tischlerhandwerkes
hinausweist. Da sich mit der neuen Technologie unterschiedliche Materialien
(Holz, Metall, Stein, Kunststoff) gleichermaßen gut bearbeiten lassen,
begünstigt die neohandwerkliche Produktion sowohl gewerkeübergreifende
Kooperationen mehrerer wie auch die transgewerkliche Expansion einzelner
Betriebe, so genannte "transgewerkliche Technofakturen" - ein
Entwicklungstrend, auf den traditionelle Handwerksbetriebe bisher kaum
vorbereitet sind.
2. Technisch und ästhetisch CNC-resonante Produktentwürfe
Da für die digitalen Werkzeugmaschinen weder die traditionellen
Handwerksentwürfe noch das moderne Industrie-Design geeignet sind, sind
neue, herstellungsgerechte bzw. CNC-resonante Produktentwürfe erforderlich,
die von Anfang an im Hinblick auf die Technologie entwickelt wurden.
Einzelne Tischlereibetriebe können die Forschungs- und Entwicklungsarbeit
für solche Produktentwürfe aber kaum leisten - ein Problem, das durch
"elektronische Musterbücher" gelöst werden könnte. Solche mit
den traditionellen Musterbüchern vergleichbaren Datenbanken sind zum einen
weitaus leistungsfähiger als ihre Vorgänger, denn die dort hinterlegten
"virtuellen Produkte" definieren nicht nur die technischen
Einzelheiten eines Entwurfs, sondern umfassen das gesamte Steuerungsprogramm
für die computerunterstützte Produktion. Darüber hinaus lassen sich diese
gebrauchsfertigen Datensätze durch die Veränderung von Parametern quasi
auf Knopfdruck variieren: am Ende kann ein gemeinsam mit dem Kunden als
Ko-Designer abgestimmtes, ergonomisch maßgeschneidertes und ästhetisch
individualisiertes Produkt hergestellt bzw. "materialisiert"
werden.
3. Image und Ästhetik
Wie die exemplarische Untersuchung des Hamburger Möbelmarktes ergab, werden
exklusive Möbel von der interessierten Öffentlichkeit tendenziell mit
"Designermöbeln" assoziiert. Hingegen ist der Begriff des
"(Kunst-)Handwerks", unter dem durchaus auch gestalterisch
anspruchsvolle Möbel zu finden sind, mit der Zielgruppe, die bereit ist,
hohe Preise für exklusive Möbel zu zahlen, vom Image her faktisch nicht
kompatibel. Um die neohandwerkliche, regionale Möbelfertigung in dem von
internationalen Markenherstellern und bekannten Designernamen geprägten
Marktsegment der Qualitätsmöbel platzieren und sie als eine zeitgemäße
ästhetische Alternative im öffentlichen Diskurs profilieren zu können,
ist es erforderlich, Impulse aus dem aktuellen Kunst- und Designdiskurs
aufzugreifen und zu verarbeiten.
4. Vertriebs- und Marketingaspekte
Als ein zentraler Engpass für eine regionalisierte handwerkliche
Möbelproduktion erweisen sich die fehlenden Vermarktungs- und
Vertriebsstrukturen für Tischlermöbel. Die Potentiale der regionalen
Möbelproduzenten sind möglichen Kunden in der Regel nicht bekannt, es
besteht faktisch keine Markttransparenz. Für zukunftsfähige regionale
Produktions-, Vermarktungs- und Vertriebsstrukturen ist daher ein
verbesserter Zugang zum Kunden von entscheidender Bedeutung. Dabei sollte
die Vermarktung über den Möbelhandel u.E. aber nicht die Regel, sondern
den Ausnahmefall darstellen. Wie unter anderem das Beispiel des
nordrhein-westfälischen Möbeltischlerverbundes "NewCraft"
belegt, hängt der Erfolg einer neohandwerklichen Möbelproduktion
entscheidend davon ab, ob es gelingt, die Möbel ohne die üblichen
"Handelsspannen" (Kosten für Ausstellungsflächen,
Vorratshaltung, Lagerung, Logistikkosten, hoher Werbeaufwand) an die Kunden
zu bringen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich die Chancen einer
erfolgreichen Stärkung des Tischlerhandwerks und einer Re-Regionalisierung
der Möbelproduktion nur dann realisieren lassen, wenn zum einen
fortschrittliche regionale Organisations- und Fertigungskonzepte entwickelt
und umgesetzt werden und wenn es den Akteuren zum anderen gelingt, eine
eigenständige regionale Identität zu entwickeln und sich mit einem
zeitgemäßen ästhetischen Angebot im öffentlichen Diskurs zu
positionieren.
"New Arts and Crafts"
Machbarkeit und Wünschbarkeit - Zukunft der
Arbeit
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