Zielsetzungen und Strategien zur Stärkung regionaler Nachhaltigkeit
Primäres Ziel des Forschungsvorhabens ist es, den dezentralen,
kundenindividuellen Möbelbau in kleinen und mittleren Betrieben zu fördern
und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass diese seit der
Industrialisierung zunehmend in die Defensive geratene Produktionsweise
Marktanteile sukzessive zurückgewinnen kann. Bekanntlich waren Handwerk und
Kunsthandwerk für viele Jahrzehnte aufgrund ihrer technisch-ökonomischen
Unterlegenheit gegenüber der Möbelindustrie nicht konkurrenzfähig. Doch
eröffnet die zunehmende Verbreitung der digitalen Informations- und
Kommunikationstechnologie sowie CAD/CAM-gestützter Werkzeugmaschinen heute
auch kleinen und mittleren Handwerksbetrieben die Chance für eine
gegenüber der Industrie erneut konkurrenzfähige Möbelfertigung.
Gegenwärtig verfügen etwa 10 - 15 Prozent der Tischlereien über
computergesteuerte Bearbeitungszentren und somit über die gleichen
technischen Voraussetzungen wie die Möbelindustrie. Doch um das spezifische
Potential dieser technischen Revolution voll nutzen zu können, fehlen dem
Tischlerhandwerk zur Zeit noch vielfältige Voraussetzungen.
Neben Defiziten in der betrieblichen Organisation, in der Kundenansprache,
in der Berufsausbildung und im Bewusstsein der neuen Möglichkeiten erweist
sich vor allem der Mangel an neuen, CNC-resonanten Produktentwürfen als ein
zentraler Engpass für die Implementierung der "virtuellen
Produktion" im Handwerk. Denn für die digitalen Werkzeuge sind weder
die traditionellen Handwerksentwürfe noch das moderne Industrie-Design
geeignet. Ebenso wie beim Übergang von der traditionellen handwerklichen
Fertigung zur Industrieproduktion vor einem Jahrhundert erfordert auch die
CNC-gestützte Möbelfertigung grundlegend neue, herstellungsgerecht
konzipierte Produkte und Kontexte. Gleichzeitig ermöglicht sie eine
ergonomisch maßgeschneiderte und ästhetisch individualisierte
Einzelstückproduktion, die in der Lage ist, unterschiedlichste
Kundenwünsche sowie kulturelle Eigenarten des regionalen Umfeldes
gestalterisch zu reflektieren.
Perspektivisch wird so das postindustrielle Konzept der
Mass-Customization erweitert um seine neohandwerkliche Ausprägung: die
"Art-Customization" als eine technologisch und ästhetisch
erneuerte Form von "Kunst-Handwerk" und kundenindividuell
angewandter Kunst.
Zur Abschätzung des Potentials eines im Sinne
der"Art-Customization" erneuerten regionalen
"Kunst-Handwerks" untersucht die Machbarkeitsstudie verschiedene
Aspekte, die hierfür relevant erscheinen:
- Den Stand der Technik unter dem Gesichtspunkt der ökonomischen und
der gestalterischen Spielräume der neuen dezentral nutzbaren Werkzeuge.
- Das Tischlerhandwerk und seine Chancen in einer nachhaltige
Regionalentwicklung
- Die spezifischen Bedingungen der handwerklichen Möbelproduktion in
Hamburg
- Die Frage nach der Zukunftsfähigkeit von Arbeit vor dem Hintergrund
der konkreten Arbeitsituation von MöbeltischlerInnen
- Die Motive und Ziele verschiedener handwerklicher
Widerstandsbewegungen gegen die Industriekultur und Gründe ihres
Scheiterns aus designhistorischer Perspektive
- Die technischen und designtheoretischen Bedingungen für eine
Renaissance der (kunst-) handwerklichen Möbelproduktion im Sinne von
New Art and Crafts: das Konzept der transgewerklichen, regionalen
Technofaktur.
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