Ansätze regionalen Wirtschaftens in der ländlichen Gesellschaft: Die Warburger Börde

Das Besondere an der Forschungsregion Warburger Börde ist, dass die Börde aus einer ausgesprochenen landwirtschaftlichen Gunstlage besteht, was in der Regel bedeutet, dass der ökologische Nachhaltigkeitsgedanke nur schwer Fuß fassen kann. Regionale Integration gelingt aller Erfahrung nach eher in wirtschaftlich benachteiligten Gebieten, die auch landschaftlich gesehen "heimatlicher" sind und einen touristischen wirtschaftlichen Nutzen versprechen. Hier ist all dies nicht der Fall. Wir hoffen, somit etwas über die Wege zur nachhaltigen Produktion für landwirtschaftlich besonders intensiv genutzte Regionen zu lernen. Die Herausforderung bestünde darin, zu zeigen, dass ertragreiche Landwirtschaft und Nachhaltigkeit sich nicht ausschließen.

Die Zielsetzung

Ziel der Aktionsforschung ist die Stärkung der Warburger Börde im Inneren durch die und mit den vorhandenen eigenen Kräften und Ressourcen und nicht ein Beitrag zur Angleichung der Region an den großen nationalen und internationalen Markt für Waren und Arbeitskräfte im Sinne einer nachholenden Entwicklung. Die Globalisierung ist ein Fakt und längst vollzogen, deshalb stellt sich die Frage, wie die Region unter den Bedingungen der Globalisierung dennoch regional sein kann, dennoch regional und noch dazu nachhaltig wirtschaften kann. Kurz, wie können in globalisierten Strukturen die Probleme der Globalisierung gelöst werden?

Die Warburger Börde hat auch eigentlich nichts nachzuholen: Sie besitzt fruchtbares Land und eine höchst produktive moderne Landwirtschaft (Zuckerrüben, Getreide, Vieh). Dennoch geht der Trend in Richtung nachholende Angleichung an noch "produktivere" Konkurrenten auf dem EU- und Weltagrarmarkt durch zunehmende Landkonzentration, Technisierung, Chemisierung und vor allem durch weiteren Ausbau der Schweine-Intensivmast in Massenställen. "Schweine bringen Scheine", sagt man hier, aber Schweine bringen auch Gülle, Gestank, Pestizide, Pharmaka, Asthma, Allergien, Neurodermitis, ausgeräumte Industrielandschaft, Konkurrenz, Bauernsterben, Landkonzentration, Auflösung dörflicher Sozialstruktur, Arbeitsmigration, Isolation - vor allem der Frauen auf den wenigen verblieben Höfen, aber auch in den vorstädtischen Eigentumshäusern der Schlafdörfer. Nachzuholen hat die Börde in Wirklichkeit eine Entwicklung, die aus ihr einen gesellschaftlich und wirtschaftlich belebten Raum macht, in dem die Menschen sich wohlfühlen können. Nur innerhalb einer solchen Entwicklung ist umweltschonende Nachhaltigkeit herzustellen.

Ein Problem der Globalisierung ist die Atomisierung der regionalen Sozialstruktur. Die Sozialstruktur der Region ist " entökonomisiert" worden, d.h. die materiellen, stofflichen wirtschaftlichen Beziehungen der Menschen sind auf ein Minimum reduziert. Damit ist ein wesentliches Element für nachhaltiges, regional integriertes Wirtschaften geschwächt worden. Die dörflichen und regionalen Sozialstrukturen werden von den Menschen aber als ein "Wert für sich" im Sinne eines Zusammengehörigkeitsgefühls aufrechterhalten, wenn auch manchmal mühevoll und folkloristisch in Vereinen und ähnlichen Gruppierungen. Diese sollen hinsichtlich ihres möglichen Beitrages für eine Re-Ökonomisierung der sozialen Beziehungen erforscht werden. In der regional-gesellschaftlichen Identifikation sehen wir ein Element der Nachhaltigkeit, dessen ökologische Dimension vorhanden, aber unbewusst ist. Eine wesentliche Aufgabe des Projektes besteht darin, solche Elemente zu erkennen, zu benennen und wirksamer zu machen.

Bewusst hingegen ist das ökologische Anliegen in der Bürgerinitiative "Lebenswertes Bördeland und Diemeltal e.V.". Aus einer Initiative gegen das Einrichten sowohl einer Giftmüll-, als auch einer Hausmülldeponie in der Börde entstanden, besteht sie nun unter dem Motto "Eine Region denkt um" fort. Bislang besteht kaum ein Austausch zwischen den "Vereins-Aktiven" einerseits und den "BewegungsAktiven" andererseits. Hier kann das Forschungsprojekt die Verständigung zwischen den "traditionellen" Formen dörflich-regionaler Identifikationsmuster und den neuerlich im Kontext eines Ökologiediskurses entstandenen fördern bzw. vermitteln.

Zentrales Anliegen des Projektes ist es, den Beitrag der Frauen zum nachhaltigen regionalen Wirtschaften zu erforschen, sichtbar zu machen und in ihrem Sinne und Interesse zu fördern. Voraussetzung dafür, dass Frauen sich für eine nachhaltige Regionalentwicklung engagieren, ist, dass sie sich mit ihr identifizieren können, dass sie sich wohlfühlen am Ort. Wie also kann die Isolierung der Frauen auf dem Warburger Land überwunden werden? Wo liegen die Möglichkeiten für unabhängige Erwerbseinkommen für Frauen in der Region, die ihnen auch Eigenständigkeit gewähren? Die Projektmitarbeiterinnen werden zum einen die Initiative für ein Frauencafe/Mütterzentrum aktiv unterstützen. Zum anderen werden die Aktivitäten der Frauen in der Landwirtschaft, im Handwerk, in der Verarbeitung und Vermarktung und am Ort erhoben und durch Veranstaltungen, eine Ausstellung und Veröffentlichungen sichtbar gemacht. Wichtig ist vor allem die Vernetzung zwischen den Frauen, so auch zwischen Erzeugerinnen und Verbraucherinnen. Das Verhalten der Frauen als Konsumentinnen ist ein zentrales Forschungsthema: Versorgen sie die Haushalte mit regional nachhaltig hergestellten Produkten oder nicht? Welche Rolle spielen die sozialen Zusammenhänge für ihre diesbezüglichen Entscheidungen? Welche Rolle spielt die geschlechtliche Arbeitsteilung bzw. die gesellschaftliche Wertschätzung oder Geringschätzung von Frauenarbeit?

Die mögliche regionale Integration von Erzeugung, Verarbeitung, Vermarktung und Konsum wird ebenfalls von den Höfen ausgehend untersucht. Wohin gehen die Milch und die Milchprodukte, das Schweinefleisch und die Wurstwaren, das Getreide und das Brot? Dabei interessieren nicht so sehr die Stoffströme selbst als vielmehr die Frage, ob es noch soziale Zusammenhänge zwischen Produzentlnnen, Verarbeiterlnnen/ Vermarktung und Konsumentinnen gibt. Entsprechend der Philosophie des Projektes, Nachhaltigkeit durch das Anknüpfen an Bestehendes zu fördern, ist das Ziel, die sozialen Zusammenhänge entlang des Weges von der Produktion zum Konsum sichtbar zu machen und herauszufinden, wie sie verstärkt oder neu geknüpft werden könnten.

 

 
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Stand: 06.03.03