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Auf der Grundlage der Auswertung der Intensivinterviews und
teilstrukturierter Fragebögen können wir die wirtschaftlichen Aktivitäten
der BewohnerInnen Borgentreichs folgendermaßen einteilen:
Es gibt den Bereich, der primär hauswirtschaftlich und kleinbäuerlich
orientiert ist:
- Die Hauswirtschaft, sicherlich zu 99% in den Händen der Frauen.
Frauen versorgen ihre Familien, kochen täglich, putzen, waschen,
kümmern sich und betreuen ... Oft halten sie die Küchentür für
Spontanbesuche offen und bewirten mit Kaffee und Kuchen. Nicht selten
bewirtschaften sie einen Gemüsegarten. Die Versorgungsarbeit der Frauen
beschränkt sich aber nicht nur auf den Raum hinter den eigenen vier
Wänden und dem Gartenzaun.
- Sie erstreckt sich zudem auf die Gemeinschaft in Form ehrenamtlicher
Arbeit. Torten werden für verschiedene gemeinschaftliche Anläße
kreiert, Waffeln gebacken, Vorbereitung und Bewirtung gemeinschaftlicher
Ereignisse werden gemeinsam und arbeitsteilig bewerkstelligt.
- Hof- und Gartenwirtschaft, die Männer verrichten. Sie halten
Kleintiere, die in der Nachbarschaft oder unter Vereinsmitgliedern
verkauft oder getauscht werden, bauen Runkeln an, die Nachbarn als
Viehfutter verwenden können.
- Hof-, Haus- und Gartenwirtschaft, die Männer und Frauen gemeinsam
verrichten, oft in Gemeinschaft mit Nachbarn und Freunden. Dazu gehört
das Saftmosten und das Kartoffeln ernten bspw, auch das Hausschlachten.
Die Mithilfe wird in Naturalien entlohnt.
- Der Bereich der Vereinsarbeit, die an einzelne Funktionen und Ämter
geknüpft ist und beinhaltet, Verantwortung für die gemeinschaftlichen
Ereignisse zu übernehmen.
Weiter gibt es natürlich auch die Aktivitäten, die Geld einbringen
sollen und müssen. Diese werden von uns in zwei Bereiche eingeteilt:
- Der Bereich, in dem mehr oder weniger industriell Waren für den
überregionalen oder sogar globalen Markt produziert werden. Dazu etwa
gehört die (vertraglich gebundene) Schweinemast für Westfleisch,
gehören die Tiere, die der Viehhändler nach Bochum, Rheda, Leipzig,
Harsewinkel ... bringt. Dazu gehören die Getreide- und Milchproduktion.
- Der Bereich, in dem Waren (gezielt) für den lokalen und regionalen
Markt produziert werden. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn
örtliche Fleischer in Kontakt zu den Landwirten vor Ort stehen, um an
länger gemästete Tiere für qualitativ besonderes Fleisch kommen zu
können. Auch dann, wenn Bäcker Biogetreide abnehmen und einmal die
Woche Biobrot backen.
Da wir den Wirtschaftsbegriff erweitern, läßt sich erkennen, daß die
familien- und gemeinschaftsbezogene Versorgungs- und Beziehungsarbeit der
BewohnerInnen - gerade auch die der Frauen - die Basis der Region/Stadt
darstellen, mit der sich die Leute gerne identifizieren. Und wo unter den
BewohnerInnen Geschäftsbeziehungen vorhanden sind, spielt die
Identifikation mit hinein. Man verhandelt an dem Ort, an dem "man sich
kennt". Durch das Vereinsleben und gemeinsame Schlacht-, Most- und
Kartoffelernteaktionen sind die Leute in der Lage und in der Pflicht, sich
gegenseitig ihre Vertrauenswürdigkeit zu beweisen. Dazu gehören große
Beweise, wie etwa, den Schützenkönig zu schießen bzw. andere offizielle
Aufgaben im Verein zu übernehmen, kleinere, wie die Torte zum
Seniorenkarneval, für die sich jede sichtbar besondere Mühe gibt, aber
sicherlich auch so kleine wie überhaupt "dabei zu sein", eine
Runde zu schmeißen, beim Vereinstreffen zu erscheinen usw. "Man kennt
sich" beinhaltet, davon ausgehen zu können, vom anderen gute Ware zu
bekommen. Der Viehhändler bspw. erzählt: "Bauer X verkauft seine
Schweine an einen Metzger in der Region, nur wenn er mal ein schlechteres
hat, bringt er es mir", der es zum Schlachthof ins ferngelegene Bochum
fährt. Die "Du-Beziehung" als Garant für gute Ware (und
vernünftige Preise) versucht man, auf Vertreter der überregionalen
Wirtschaft auszudehnen, Vertreter der Kornhäuser und Tierfuttervertriebe
oder von Westfleisch. Um so größer die Enttäuschung, sollte sich
herausstellen, daß auch dem eigenen Tierfutter Tiermehl beigemischt war,
sprich, es zum BSE-Fall auf dem Hof kommt (eine Enttäuschung vor allem in
den Fällen, in denen Bauern an einer weitgehend "natürlichen"
Fütterung ihrer Tiere interessiert sind).
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