Konferenz "Regional Cycles" in Leipzig stellt die BMBF- Förderinitiative
international vor
Regionales Wirtschaften als Ansatz für Nachhaltige Entwicklung stößt in
den letzten Jahren bei Forschern und Praktikern auf reges Interesse. Das ist
ein wichtiges Ergebnis der internationalen Konferenz, die in Leipzig im
Rahmen der euregia 2002 von 31. Oktober bis zum 2. November 2002 angesichts
des Endes der ersten Phase der Förderinitiative "Regionale Ansätze
nachhaltigen Wirtschaftens" stattfand. Kurz nach dem Weltgipfel für
Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg versuchten Wissenschaftler und
Praktiker Antworten zu finden und den interdisziplinären Austausch zu über
nachhaltiges, regionales Wirtschaften in Europa zu fördern.
Unter dem Titel "Regionale Kreisläufe: Regionales Wirtschaften auf dem
Weg zur Nachhaltigkeit" widmeten sich internationale Experten Fragen zu
Themen nachhaltiger Entwicklung und regionales Wirtschaften. Viele Aspekte
nachhaltigen regionalen Wirtschaftens sind noch ungeklärt. So muß
beispielsweise noch geklärt werden
- unter welchen Rahmenbedingungen regionale Kreisläufe nachhaltig sind
- wie sich selbst tragende Strukturen, die Human- und Naturpotential
einer Region nutzen, entwickelt werden können
- wie sich Netzwerke von Unternehmen zur gegenseitigen Ressourcennutzung
bilden lassen, die Wettbewerb und Nachhaltigkeit gelungen verbinden.
Die Konferenz richtete sich insbesondere an Kommunen,
Regionalverwaltungen und Vertreter der nationaler Einrichtungen, sowie
Forscher, Entwickler und Anwender. Sie stellte ein Forum zum Erfahrungs- und
Ideenaustausch innerhalb eines internationalen Publikums dar und schuf eine
Verbindung zwischen Wissenschaft, Politik und praktischer Umsetzung.
Organisiert wurde sie vom Internationalen Rat für Kommunale
Umweltinitiativen (ICLEI) im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und
Forschung. Im Rahmen der Konferenz wurde das Thema "Regionale Kreisläufe" im
weitesten Sinne begriffen und schloss Geldkreisläufe, Stoffkreisläufe und
Materialkreisläufe ein. So konnte mit einer Vielzahl von Workshops,
Präsentationen, Diskussionsforen und Plenumveranstaltungen ein breites
Spektrum an Themen zum Nachhaltigen Regionalen Wirtschaften aus
unterschiedlichen Perspektiven bearbeitet werden.
Unter anderem hatten die 15 Modellprojekte der BMBF-Förderinitiative
"Regionale Ansätze Nachhaltigen Wirtschaftens" die Gelegenheit, sich zu
präsentieren und ihre Ergebnisse im einem internationalen Rahmen zu
diskutieren. Neben den deutschen Modellprojekten wurden auch eine Reihe von
ausländischen Projekten mit regionalem Nachhaltigkeitsbezug präsentiert.
Besonders erfreulich war, daß von den insgesamt rund 150 Teilnehmern aus 28
Ländern, ein Viertel aus Entwicklungs- oder Schwellenländern begrüßt werden
konnten. Ein weiteres Ergebnis der Konferenz war die Bereitstellung einer
Plattform für die Etablierung internationaler Kontakte für Forscher und
Praktiker, die zu zukünftigen Forschungskooperationen führen können um so
das Themenfeld nachhaltiges regionales Wirtschaften und Regionalentwicklung
voran zutreiben. Dazu haben die Teilnehmer zur Sicherung der gemeinsamen
Ergebnisse <link> der Konferenz ein Set von 8 Hypothesen zu regionalem
Wirtschaften erarbeitet.
Ergebnisse: Acht Hypothesen zu Regionalem Wirtschaften
Die vielfältigen und anregenden Präsentationen und Diskussionen der
Konferenz können in 8 Hypothesen zur regionalem nachhaltigen Wirtschaften
zusammengefasst werden. Diese Hypothesen wurden während der gesamten
Konferenz begleitend diskutiert und im Abschlussplenum durch die Teilnehmer
verabschiedet.
Was ist eine Region?
"Region" ist überall. Als Region können geographische Gebiete,
Zusammenschlüsse oder Institutionen einer Größe auftreten, die irgendwo
zwischen Kommune und Staat liegt. Dabei können Regionen innerhalb eines
Staates oder aber länderübergreifend angesiedelt sein. Als
Definitionsgrundlage dienen Traditionen, kulturelle Besonderheiten,
politische Aspekte, Materialkreisläufe, Ökosystemgrenzen oder sonstige
geographische Faktoren. Wodurch eine Region genau definiert ist, ist weniger
wichtig. Entscheidend ist vielmehr die Schlüssigkeit ihres Regionalkonzepts.
Entwicklung regionaler Kooperation
Kooperation zwischen Akteuren einer Region hat durchaus Tradition und
gewinnt als Konzeptbaustein in vielen Regionen Europas und weltweit
zusehends an Bedeutung:
- Regionale Produkte werden direkt vermarktet.
- Wirtschaftliche Bedürfnisse werden auch über den informellen Sektor
befriedigt.
- Unternehmen unterschiedlicher Größe schließen sich zwecks
Informationsaustausch und Kooperation zu formellen oder informellen Netzen
zusammen und sind so in der Lage, Ressourcen schonende und Abfall
vermeidende nachhaltige Produktionssysteme und Dienstleistungen aufzubauen.
- Zur Umsetzung konkreter Lösungen werden Forschungsergebnisse und
Bürgerwissen genutzt.
- Bürger und Verwaltungen werden gegen sozialen Ausschluss aktiv.
- Umweltbelastungen durch Mobilität und Produktion werden verringert.
- Es finden Strategiedialoge mit Blick in die Zukunft statt.
In Europa regt sich diese Entwicklung allerorten; wenn auch noch klein im
Ausmaß, gewinnt sie doch zusehends an Boden.
Strategie für eine nachhaltige Entwicklung
Ein wichtiges Standbein der nachhaltigen Entwicklung liegt in der
Verbesserung regionaler Systeme. Wirtschaftlich gesprochen führt dies zur
Schaffung neuer Wertschöpfungsketten, sozial zur Integration benachteiligter
Bevölkerungsgruppen, ökologisch zur Vermeidung von Verkehr und Abfall und
institutionell zur Erhöhung der Transparenz. Die Verantwortung für die
Materialflüsse von und ins Hinterland müssen dabei die Städte übernehmen. So
wird das regionale System zusehends eigenständiger und stabiler. Langfristig
sollten wir die Schaffung regionaler Systeme anstreben, die den Großteil der
Ressourcen- und Dienstleistungsbedürfnisse ihrer Bevölkerung selbständig
erfüllen können, und dies unter Wahrung einer global umweltverträglichen
Pro-Kopf-Tragfähigkeit.
Anstehende Aufgaben
Trotz des inzwischen beträchtlichen Erfahrungsschatzes auf diesem Gebiet
sind noch viele Fragen zum Thema "Wie funktioniert regionale Kooperation?"
offen. So müssen funktionsfähige Ansätze gefunden werden zur Ermittlung
derjenigen Regionalkonzepte, die allen Aspekten nachhaltiger Entwicklung
gerecht werden. Außerdem benötigt werden neue Kooperationsmodelle, die ohne
die Preisgabe wettbewerbskritischer Unternehmensdaten auskommen, effektive
Wege zu einer Kooperation im Sinne regionaler Innovation (Lernen lernen),
neue Lösungen für regionale Logistik- und Produktionsfragen sowie Ansätze
zur kommunalen Beteiligung auf regionaler Ebene.
Regionale Kreisläufe und Handel
Regionale Kooperation und überregionaler Handel schließen sich nicht
gegenseitig aus. So kann Zusammenarbeit in der Region einerseits einen Teil
der überregionalen Handelsaktivitäten ersetzen und wird andererseits auch
den Wettbewerb exportorientierter Branchen anregen. Gerade für
regionsgrenznahe Gebiete kann sich grenzübergreifender gegenüber
innerregionalem Handel als sinnvollere Alternative erweisen. Das
entscheidende Kriterium ist immer die räumliche Nähe. Sowohl ökonomisch als
auch ökologisch ist es sinnvoll, Transportwege zu vermeiden, wenn ihr Anteil
an den Produktkosten den Großteil ausmacht, und stattdessen
Handelsbeziehungen zu einer zentralen bzw. geographisch günstiger gelegenen
Produktionsstätte aufzubauen. Aus diesem Grunde ist es wichtig, dass
Transportpreise in Europa die externen Kosten des Transports, die auch durch
die Wahl des Transportmittels beeinflusst werden, in zunehmendem Maße
widerspiegeln. Abgeschafft werden sollten auch Subventionen, die nur auf
Nachweis der exportwirtschaftlichen Relevanz einer Region gewährt werden.
Öffentliche Unterstützung von Innovationen
Innovationen im Rahmen regionaler Kooperation sind ein integraler
Bestandteil jeder Innovationslandschaft und stehen den technologischen und
institutionellen Innovationen in Wichtigkeit nicht nach. Sie verdienen daher
besonderes Augenmerk und Unterstützung in allen Entwicklungsstadien:
Forschung, Umsetzung und Verbreitung. Die entscheidende Rolle des Aufbaus
institutioneller Kapazitäten für diesen Prozess kommt internationalen
Organisationen, europäischen Institutionen und nationalen Regierungen
gleichermaßen zu. Doch wie alle Innovationsaktivitäten verdient auch
regionale Innovation nur dann öffentliche Förderung, wenn sie zur
Nachhaltigkeit in dem Sinne beiträgt, dass sie mindestens einen ihrer
Aspekte stärkt und dies nicht zu Lasten der jeweils anderen geht. Für
Förderprogramme mag dies als Orientierungshilfe dienen.
Internationale Netze
Um das Rad nicht immerzu neu erfinden zu müssen, sollten Erfahrungen mit
regionaler Kooperation stets weitergegeben werden. Dies lässt sich am
einfachsten über nationale und internationale Akteursnetze erreichen. Hier
sind besonders Forschungsinstitutionen wie ENSURE und IHDP,
Wirtschaftsorganisationen wie INEM, kommunale Dachverbände wie ICLEI und
CEMR oder die europäische Kampagne zukunftsbeständiger Städte gefordert. Die
Vernetzung zwischen diesen Akteuren ist notwendig und sollte institutionell
unterstützt werden. Zur Erfüllung des Anspruchs der Nachhaltigkeit muss
regionale Entwicklung auf dem Prinzip der Partizipation aufbauen und die
interregionale Vernetzung eine Vielzahl von Akteuren einbeziehen.
Internationaler und nationaler Rahmen
Nationale und internationale Wirtschafts- und Gesetzesrichtlinien sollten
die regionale Kooperation nicht behindern, sondern eher fördern. In diesem
Sinne ist eine Zusammenarbeit der verschiedenen Regierungsinstitutionen
erforderlich, und der Einfluss und Budgetanteil speziell kommunaler sowie
regionaler Verwaltungsebenen sollte vergrößert werden.
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