Literaturhinweis

Praxisorientierte Forschung für nachhaltiges Wirtschaften: Restriktionen, Optionen, Handlungsempfehlungen

Für eine nachhaltige Entwicklung ist es erforderlich, praxisrelevantes Wissen zu generieren. Dies kann dadurch geschehen, dass Wissenschaft auf Projektebene mit Praxispartnern eng kooperiert; Nachhaltigkeitsforschung muss dann sowohl den Ansprüchen der Praxis als auch jenen einer Wissenschaft genügen (praxisorientierte bzw. Praxisforschung). Potentiale, Restriktionen und Methodenprobleme einer solchen Praxisforschung wurden anhand von Beispielprojekten und des Rahmenkonzeptes "Modellprojekte für nachhaltiges Wirtschaften" im Auftrag des BMBF bestimmt.

Das aus den angewandten Sozialwissenschaften übernommene Konzept "Praxisforschung" hat dabei eine genauere Betrachtung der Beziehungen zwischen Forschung und Praxis gestattet; es kann dazu beitragen, nicht vorschnell mit normativen Vorstellungen zu arbeiten und Probleme des Transdisziplinaritätskonzepts zu vermeiden.

Auf Grundlage der Begleitforschung zu den regionalen Modellprojekten eines nachhaltigen Wirtschaftens und insbesondere der vertiefenden Auswertung von 6 Referenzprojekten wurde festgestellt, dass sich Potentiale einer solchen Praxisforschung bestätigt haben. Durch sie werden Ergebnisse an der Schnittstelle von Forschung und Praxis generiert, die auf andere Weise nicht realisierbar sind. Die vom BMBF geförderte Praxisforschung erweist sich damit als eine Art Praxislabor der Nachhaltigkeitsforschung. Im Spagat von Praxis und Forschung entstehen Ansätze, die auf Dauer auch in der Fläche Wirkung für ein nachhaltiges Wirtschaften haben könnten und weder alleine im Bereich normaler Forschung entwickelt werden können noch von eingespielten praxisdominierten Forschungsformen (z.B. Industrieforschung und wirtschaftsnahe Anwendungsforschung).

Methodenprobleme und Hemmnisse, die bei praxisorientierter Forschung auftreten, wurden anhand der Referenzprojekte genauer verfolgt. Einige der in der Literatur beschriebenen Probleme von Ansätzen der praxisorientierten Forschung (z.B. Synchronisationsschwierigkeiten zwischen unterschiedlichen Zeitskalen von Praxis und Forschung) traten nur vereinzelt auf. Vielmehr wurde deutlich, dass in den Projekten viele interessante Lösungen (z.B. durch bewusste Strukturierung der Projekte) entwickelt worden sind, mit denen sich die in der Praxisforschung auftretenden Schwierigkeiten erfolgreich beherrschen lassen. Die folgenden Erfolgskriterien für praxisorientierte Forschung haben auf der Ebene der Projekte sehr hohe Relevanz:

  • Frühzeitige Einbindung der Praxispartner und Klärung der Interessen,
  • Wissenschaftsbindung,
  • Rückgriff auf in der Praxis bereits bestehende Strukturen,
  • Finanzielle Reservemittel, auf die im Notfall zugegriffen werden kann,
  • Effektives Projektmanagement.

Des Weiteren können die Verankerung vor Ort und das Finden einer gemeinsamen Sprache wichtig sein.

Bezogen auf praxisorientierte Forschung hat sich das Rahmenkonzept grundsätzlich bewährt. Bei einer eventuellen Revision des Rahmenkonzepts sollten wenige Zuspitzungen vorgenommen werden (z.B. Konzentration auf KMU und auf bereits organisierte KonsumentInnen, Umweltschützer). Antragsteller sollten frühzeitig mit speziellen Handreichungen auf auftretende Probleme und Lösungsmöglichkeiten hingewiesen werden, damit bereits bei der Projektkonzeption entsprechende Vorsorge getroffen werden kann.

Aktionsforschung, Begleitforschung und Umsetzungsforschung sind für die Forschung im Themenfeld "nachhaltiges Wirtschaften" geeignet und lassen sich (bei Bewusstsein für die Folgen) auch kombinieren; ergänzend können auch Aktivitäten einer Entwicklungsforschung oder Beratungstätigkeiten sinnvoll sein.

In den Strukturen der Projekte und auch bei der Abwicklung entsprechender Projekte durch die Förderadministration sollte der iterative Charakter der Praxisforschung stärker als bisher berücksichtigt werden. Flexible Verfahren zur Bewilligung (z.B. iterativer Aufbau von Praxisnetzwerken), aber auch zur gemeinsamen Umstrukturierung von Projekten sollten zuwendungstechnisch entwickelt und eingeführt werden.

Eine eindeutige Entwicklungsperspektive für die Praxisforschung ließ sich im Rahmen der Expertise nicht ableiten (unter anderem, weil gesicherte Referenzkriterien dafür fehlen, wann aus Sicht des Wissenschaftssystems die Ergebnisse als interessant und innovativ gelten). Die Durchlässigkeit zwischen akademischer und praxisorientierter Forschung sollte gestärkt werden. Hier könnten unter Umständen interdisziplinäre Aufbaustudiengänge und Nachwuchsgruppen, z.B. zum Thema "nachhaltiges Wirtschaften" oder "Industrial Ecology", katalysierend wirken. Dabei müssten aber jene Institute, die bisher das Rückgrat einer praxisorientierten Nachhaltigkeitsforschung bilden, einbezogen werden.

Engelbert Schramm: Praxisorientierte Forschung für nachhaltiges Wirtschaften: Restriktionen, Optionen, Handlungsempfehlungen. ISOE-Materialien Soziale Ökologie MSOE 23; 8.- Euro, erhältlich über das ISOE unter http://www.isoe.de/literat/msoe23f.htm

 

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Stand: 10.11.04