TAGWERK

 

 

I. Das Forschungsprojekt des BMBF

„Nachhaltigkeit durch regionale Vernetzung – Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften im Bedürfnisfeld Ernährung“ heißt das Forschungsprojekt, das sich mit der regionalen Erzeugung und Vermarktung von Lebensmitteln aus ökologischem Anbau befaßt. Mitarbeiter der TAGWERK-Genossenschaft in der Region nordöstlich von München, Agaringenieure der TU München/Weihenstephan sowie Soziologen des Instituts für sozialwissensschaftliche Forschung in München entwickeln in gemeinsamer Arbeit ein Konzept, das die Vernetzung des ökologischen Landbaus und des regionalen Vertriebs voranbringt.

Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, wie Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften  -  als innovative Modelle nachhaltigen Wirtschaftens  -  die Spannung zwischen wachsenden ökonomischen Anforderungen und Prinzipien nachhaltigen Wirtschaftens bewältigen können.

II. TAGWERK als Pioniermodell

Die TAGWERK-Genossenschaft, die 1984 von Biobauern und Verbrauchern in der Region nordöstlich von München gegründet wurde, hatte damals schon zum Ziel, was später „nachhaltiges Wirtschaften“ genannt wurde : den ökologischen Landbau fördern, in überschaubaren Kreisläufen wirtschaften, aber auch soziale und kulturelle Veränderungen bewirken wie etwa die Wiederbelebung und Schaffung regionaler, kleinräumiger Strukturen.

Modellcharakter hat TAGWERK durch die innovative Verknüpfung von Produktion, Vermarktung und Konsum. Dieses Netzwerk muss sich heute dem zunehmenden Wettbewerb stellen, der im Naturkostmarkt herrscht. Das stellt das Modell vor eine harte Bewährungsprobe. Kann sich TAGWERK in diesem Markt und unter diesen Bedingungen behaupten, ohne die Zielsetzungen nachhaltigen Wirtschaftens zu verletzen? Können die innovativen Merkmale eines regionalen Netzwerks beibehalten und ausgebaut werden?

III. TAGWERK - Geschichte und Struktur

Gerade mal 21 Artikel umfaßte die erste „Bestelliste für biologische Lebensmittel“: 2 Sorten Getreide, 7 Sorten Gemüse, Honig, Eier, Geflügel, Schweine- und Rindfleisch, 4 Sorten Wurst und ein umweltfreundliches Waschmittel. Damals gab es in der Umgebung (Landkreise Freising, Erding,Landshut) ganze 2 Biobauern und eine Bio-Gärtnerei. Die Produktauswahl war entsprechend beschränkt, aber man war froh, überhaupt an chemiefrei erzeugt Ware heranzukommen. Zwei Jahre später, im Sommer 1984, ging aus dieser Verbrauchergemeinschaft die „Verbraucher- und Erzeugergenossenschaft TAGWERK“ hervor. Und heute, 2002, ist daraus ein verzweigtes Unternehmen mit gut 8,5 Mio. Euro Jahresumsatz (Genossenschaft und Läden) und ca. 60 Beschäftigten geworden.

Die TAGWERK-GENOSSENSCHAFT hat inzwischen 630 Mitglieder, darunter etwa 100 ErzeugerInnen und VerarbeiterInnen.

Wesentlicher Teil des Netzwerkes ist der TAGWERK - FÖRDERVEREIN, 1986 gegründet, der in dieser Region - in Absprache mit Bioland - die Funktion eines Anbauverbandes wahrnimmt. Der Verein stellt das kulturelle und soziale Bindeglied zwischen den im Netzwerk verbundenen Gruppen her.

Der Verein hat mittlerweile 500 Mitglieder, davon 80 ErzeugerInnen. Es gibt zahlreiche Doppelmitgliedschaften bei Verein und Genossenschaft, vor allem bei den ErzeugernInnen.

IV. TAGWERK - die Praxis : Regionalität ins Leben umsetzen

1.      Der genossenschaftliche Großhandel

Der TAGWERK-Großhandel hat sich aus der ersten Verkaufsstelle der Genossenschaft entwickelt. Er ist (ursprünglich) Bindeglied zwischen Erzeugern und Verbrauchern, bzw. heute eher zwischen Erzeugern und den Läden. Der Großhandel beliefert hauptsächlich die TAGWERK-Läden, weitere Naturkostläden in der Umgebung sowie in München und Hofläden.

Die Preise, die die TAGWERK e.G. an die ErzeugerInnen zahlt, wurden anfangs in einer paritätisch besetzten Preiskommission ausgehandelt. Inzwischen findet die Preisaushandlung zwischen Genossenschaft und ErzeugerIn in Orientierung an den Marktpreisen statt. Allerdings zahlt die Genossenschaft i.d.R. bessere Preise.

Der TAGWERK-Großhandel führt kein Vollsortiment, was die Zusammenarbeit besonders mit kleineren Läden häufig erschwert. Zusammen mit den ErzeugerInnen und VerarbeiterInnen ist der TAGWERK-Großhandel ständig darum bemüht, neue Produkte zu entwickeln, um das regionale Sortiment zu erweitern und  TAGWERK - den Namen und das Konzept - als Marke zu etablieren. Die regionalen Produkte werden mit eigenen Etiketten mit dem TAGWERK-Logo gekennzeichnet. Zu den Produkten gibt es relativ umfangreiche Informationen: über den Herkunftsbetrieb, die vollständigen Zutaten , besondere Eigenschaften und z.T. Rezeptvorschläge.

2. Die TAGWERK - Läden

Die TAGWERK-Läden werden mittlerweile alle selbständig geführt. Sie sind jedoch durch Lizenzvertrag an die Genossenschaft gebunden. Der Lizenzvertrag regelt die Nutzung des TAGWERK-Zeichens, den Warenbezug, die gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, Werbung und Mitarbeiterschulung.

Erhebungen im Rahmen des Forschungsprojekts haben den – für Naturkostläden – überdurchschnittlich hohen Anteil an regionalen Produkten noch einmal deutlich gemacht, insbesondere bei der Produktgruppe Fleisch und Wurst und bei der Milch, aber auch bei Gemüse und Käse sowie bei Getreide und Getreideprodukten.

Um Namen und Konzept von TAGWERK zu vermitteln, nennen sich die meisten Läden „TAGWERK“ oder „TAGWERK-Biomarkt“, weisen Aufsteller in und vor den Läden auf TAGWERK hin, wird die TAGWERK-Zeitung ausgelegt, Fotos und Beschreibungen von TAGWERK-Betrieben ausgestellt etc. Auch die Erzeugerbetriebe machen durch Hofschilder („TAGWERK-Betrieb...“), mit dem TAGWERK-Logo bedruckte Säcke oder Sackanhänger etc. ihre Zugehörigkeit zu TAGWERK deutlich.Diese Aktivitäten und die ständige Presse- und Öffentlichkeitsarbeit vor allem vom TAGWERK-Förderverein tragen dazu bei, dass „TAGWERK“ in der Region ein Begriff ist, der Kompetenz und Vertrauen transportiert, und damit auch zum positiven Image der Läden beiträgt.

Dennoch haben – auch das haben Befragungen im Rahmen des Forschungsprojekts gezeigt -, besonders bei neuen Läden und neuen Kunden regionale Produkte nicht immer die Bedeutung, den „Zusatznutzen“, der eigentlich angestrebt wird. Hier werden z.Zt. verstärkt Marketingstrategien entwickelt und umgesetzt.

3.      Mitarbeiterschulung und Ladnertreffen

Die TAGWERK-Genossenschaft veranstaltet regelmäßig Schulungen für MitarbeiterInnen der Genossenschaft selbst wie auch der Läden. Bis vor  ca. 2 Jahren  fanden regelmäßig monatliche MitarbeiterInnentreffen statt (von e.G. und Läden) mit geselligem Charakter sowie Erfahrungsaustausch,  Warenkunde, und aktuellen Themen.

4.      Fazit

Die Mitglieder des TAGWERK-Zusammenhangs (Großhandel, Läden,Erzeuger- und Verarbeiterbetriebe) sind in der Vermarktung regionaler Bio-Lebensmittel vergleichweise erfolgreich, auch wenn die Umsätze insgesamt natürlich nur einen geringen Prozentsatz aller in der Region vermarkteten Lebensmittel ausmachen. TAGWERK hat über diese Umsätze hinaus häufig aber Initialfunktion und Vorbildcharakter für regionale Vermarktung und kooperatives Wirtschaften.

Die Frage ist, inwieweit mit dem gewünschten Wachstum sich die ursprünglichen Ziele regionalen, solidarischen Wirtschaftens erhalten haben und in Zukunft erhalten bleiben.

Die Vermutung zu Beginn des Forschungsprojekts war, dass das ganzheitliche Nachhaltigkeitskonzept von TAGWERK bei zunehmendem Wachstum, verschärften Marktbedingungen und steigender Professionalisierung unter Druck gerät, dass das ökonomische Überleben Nachhaltigkeitsziele gefährdet und es zu Spannungen zwischen einzelnen Zielen kommt.

Die bisherigen Ergebnisse zeigen , dass das so ist : Der ökonomische Erfolg verlangt seinen Nachhaltigkeitstribut, sogenannte Win-Win-Situationen sind nur begrenzt realisierbar. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass ein Kompromiss zwischen dem erforderlichen ökonomischen Anpassungsprozess und der Aufrechterhaltung regionaler demokratischer und partizipativer Organisationsformen möglich ist. Mit Widersprüchen und Spannungen lässt sich „leben lernen“. Es erfordert allerdings Wachsamkeit, politische Lernprozesse und Sensibilität, wenn man sich weder in fundamentalistisch genügsame Nischen zurückzieht, noch sich den „Marktzwängen“ völlig unterwirft.

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Ergebnisse

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Stand: 06.03.03