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Die TAGWERK Genossenschaft und andere
Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften stehen für ein ganzheitliches
Nachhaltigkeitskonzept. Die Annahme im Projekt war, daß dieses bei
zunehmendem Wachstum, verschärften Marktbedingungen und steigender
Professionalisierung unter Druck gerät, so daß das ökonomische Überleben
Nachhaltigkeitsziele gefährden und es zu Spannungen zwischen einzelnen
Zielen kommen kann.
Die bisherigen Ergebnisse zeigen, daß dies so ist: Der ökonomische Erfolg
verlangt seinen Nachhaltigkeitstribut. Die Ergebnisse zeigen aber auch, daß
ein Kompromiß zwischen dem erforderlichen ökonomischen Anpassungsprozeß und
der Aufrechterhaltung regionaler demokratischer und partizipativer
Organisationsformen möglich ist. Mit Widersprüchen und Spannungen läßt sich
"leben lernen". Es erfordert allerdings Wachsamkeit, politische Lernprozesse
und Sensibilität, wenn man sich weder in fundamentalistisch genügsame
Nischen zurückziehen, noch sich den "Marktzwängen" völlig unterwerfen will.
Von den Ergebnissen seien einige herausgegriffen:
Initial- und Ausstrahlungseffekte der
Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften: Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften
bleiben auch dann, wenn sie ökonomisch erfolgreich sind, "Nischenprojekte",
deren indirekte Effekte in der Perspektive nachhaltigen Wirtschaftens
bedeutsamer sind als ihr unmittelbares Wachstum, wie es in ökonomischen
Kennziffern (Umsatz, Beschäftigte etc.) zum Ausdruck kommt.
Fachhandelskonzept statt Diffusion in den konventionellen
Lebensmitteleinzelhandel: Die geplante Ausweitung der
TAGWERK-Vermarktungsstrategie in den Lebensmitteleinzelhandel wurde im Laufe
der Projektarbeiten verworfen. Pilotprojekte in einzelnen konventionellen
Lebensmittelgeschäften belegten, daß dies nicht sinnvoll wäre, weil dort die
nötige Nachfrage nach regionalen Produkten und die Bereitschaft, dafür
teilweise einen höheren Preis zu zahlen, fehlt. Statt dessen wurde die
konsequente Ausrichtung der Vermarktungsstrategie auf ein Fachhandelskonzept
favorisiert.
Vom vertikalen zum horizontalen Netzwerk – Chancen und Risiken der
Reorganisation: Als Antwort auf Wachstum und sich verschärfende ökonomische
Rahmenbedingungen hat sich die TAGWERK-Genossenschaft von einem eher
vertikal-strukturierten Netz mit starker Zentrale zu einem stärker
horizontal strukturierten Netzwerk mit relativ hoher Autonomie der
dezentralen Einheiten weiterentwickelt. Ziel der Dezentralisierung und
Verselbständigung ist es, höhere Flexibilität, stärkere Kundenorientierung
und mehr Raum für Eigeninitiativen vor Ort – vor allem in den Läden – zu
erreichen.
Die Umgestaltung kann heute als wirtschaftlicher Erfolg angesehen werden.
Allerdings geraten mit der höheren Autonomie der lizenzierten TAGWERK-Läden
eine Reihe der früheren Nachhaltigkeitspostulate unter Druck. So besteht
u.a. die Gefahr, daß die regionale Orientierung zurückgeht, denn ein hoher
Anteil regionaler Produkte ist für die Läden ökonomisch nicht immer lohnend,
weil die neu gewonnenen Kundengruppen oft das herkunftsmäßig anonyme, dafür
aber häufig billigere Produkt favorisieren. Nur ein Teil der Kunden ist
bereit und interessiert, mit dem Kauf der Ware zugleich Nachhaltigkeitsziele
zu unterstützen, die sich im Preis der Ware niederschlagen, aber die Ware
selbst nicht unbedingt wertvoller machen (beispielsweise zusätzliche
Leistungen, die von den Erzeugern zur Pflege der regionalen Landschaft
aufgebracht werden, oder die Gewährleistung von akzeptablen
Arbeitsbedingungen bei Erzeugern, Verarbeitern und Vermarktern). Es besteht
weiterhin die Gefahr, daß das bisherige Niveau von Mitsprache und sozialer
Gleichstellung für die Beschäftigten im regionalen Netz verloren geht, da in
den Läden die Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Genossenschaft und der dort
praktizierte Einheitslohn nicht mehr gelten.
Der ökonomische Anpassungsprozeß zu mehr Autonomie im Netzwerk ist
deswegen zwar ökonomisch erfolgreich, unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten
ist er jedoch als ambivalent einzuschätzen. Es besteht die Gefahr einer
Desintegration des sozialen Netzwerks, der mit Maßnahmen begegnet werden
muß, welche die Beteiligung an der Bildung gemeinsamer Ziele erhöht, soziale
und politische Identifikationsmöglichkeiten schafft und die soziale Seite
des Netzwerks wieder stärker in den Vordergrund rückt. In diesem
Zusammenhang erhalten soziale Faktoren wie z.B. das regionale,
sozial-kulturelle Milieu oder moralisch-ethische Orientierung ein besonderes
Gewicht.
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