Nachhaltigkeit durch regionale Vernetzung 
Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften im Bedürfnisfeld Ernährung (Verbund)

Gefahren und Risiken für Umwelt und Gesundheit durch die Erzeugung und den Verbrauch von konventionellen Lebensmitteln werden gegenwärtig vor allem durch immer neue Skandale ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Dennoch hat nachhaltiges Wirtschaften im Bereich Ernährung, das diese negativen Wirkungen zu vermeiden sucht, immer noch einen geringen Stellenwert bei den Erzeugern, beim Handel und bei den Verbrauchern. In der Agrarproduktion, den Vertriebs- und Vermarktungsformen und auch in den Konsumgewohnheiten der Verbraucher nimmt die Ressourcenbeanspruchung und Umweltgefährdung durch globale Beschaffung und überregionale Vermarktung von Lebensmitteln eher zu, die Kosten durch ernährungsbedingte Krankheiten steigen etc.

Im Projekt wird die Frage untersucht, wie Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften die Spannung zwischen wachsenden ökonomischen Anforderungen, insbesondere durch die Konkurrenz neu entstehender Bio-Supermärkte und "Bio-Schienen" im konventionellen Einzelhandel, und Prinzipien nachhaltigen Wirtschaftens bewältigen können. 

Die TAGWERK-Genossenschaft wurde vor 15 Jahren von Biobauern und ökologisch orientierten Verbrauchern gegründet. Mit seinen heute 660 Genossenschaftsmitgliedern, den sieben Läden sowie der Beschickung von 7 Wochenmärkten ist TAGWERK durch die Vernetzung von Produktion, Vermarktung und Konsum zu einem Pioniermodell geworden. 

Dieses Netzwerk muß sich heute dem zunehmenden Wettbewerb stellen, der im Naturkostmarkt herrscht. Das stellt das Modell vor eine harte Bewährungsprobe. Wie kann sich TAGWERK behaupten, ohne die Zielsetzungen nachhaltigen Wirtschaftens zu verletzen? Wie können die innovativen Merkmale eines regionalen Netzwerks genutzt und ausgebaut werden? 

Arbeitsschritte

Im einzelnen wurden folgende Arbeiten durchgeführt:

(1) Vergleiche zwischen regionaler und überregionaler Verarbeitung (einschl. Distribution) bei verschiedenen Produkten.

Dabei ging es um eine ressourcenökonomische Bewertung, die zum Ergebnis hatte, daß unter diesem Aspekt der Nachhaltigkeit die regionale Verarbeitung nicht immer günstiger abschneidet als die überregionale. Dieses Ergebnis hat auch dazu geführt, daß andere Dimensionen der Nachhaltigkeit, insbesondere die soziale, bei der Betrachtung und Bewertung des Regionalprinzips stärker in den Mittelpunkt der Untersuchung gerückt wurden.

(2) Befragung von Landwirten aus der Region, die als Hauptlieferanten mit TAGWERK Geschäftsbeziehungen unterhalten

Mit der Befragung der Erzeuger wurden deren Vorstellungen und Erwartungen über den Absatz ihrer Produkte durch den Großhandel und die Läden des regionalen Netzwerks erfaßt. Hier zeigte sich an vielen Stellen, daß die Landwirte inzwischen auch im Vertrieb ihre eigenen Wege gehen und Alternativen der Vermarktung aufgebaut haben (Hofverkauf, Marktbeschickung u.ä.).

(3) Reorganisation des regionalen Netzes im Rahmen einer Neukonzipierung der regionalen Vermarktung mit Benchmarking und Entwicklung einer Marketingkonzeption für die TAGWERK-Läden

Die TAGWERK-Läden, die bisher direkt zur Genossenschaft gehörten, wurden von früheren Beschäftigten der Genossenschaft übernommen, um sie in eigener Regie, aber auch mit eigenem wirtschaftlichem Risiko zu führen. Der rechtliche Rahmen der Beziehung zur Genossenschaft ist ein Lizenzvertrag.

(4) Bestandsaufnahme von Erzeuger–Verbraucher–Gemeinschaften in Deutschland

Mit Fallstudien in einzelnen Erzeuger–Verbraucher–Gemeinschaften wurden die unterschiedlichen Entwicklungen und Zielvorstellungen dieser Vermarktungsformen herausgearbeitet. Insbesondere zeigte sich, daß diese Initiativen nach wie vor den Anspruch haben, über die Vermarktung hinausgehende politisch-ökologische Ziele zu realisieren. In Bezug auf Wachstum vertreten sie unterschiedliche Konzeptionen: Teilweise beschränken sie sich bewußt auf ihren angestammten Kundenkreis, etwa in der Form von sogenannten Mitgliederläden, teilweise versuchen sie aber auch, ihre wirtschaftliche Stabilität über Wachstum (z.B. Gründung neuer Läden) zu erreichen.

(5) Betriebliche Fallstudien in der TAGWERK-Organisation, einschließlich der TAGWERK-Naturkostläden

Mit diesen Fallstudien wurden die besonderen Arbeitsbedingungen, die Partizipationsmöglichkeiten der Mitarbeiter und die politisch-ökologischen Aktivitäten, die über die Vermarktung hinausgehen, im regionalen Netzwerk erfaßt. Die Mitarbeiter der Genossenschaft, die vor allem den Großhandel betreibt, haben nach wie vor ausgedehnte Mitbestimmungsmöglichkeiten und eine einheitliche Bezahlung. In den inzwischen privatisierten Läden gelten diese genossenschaftlichen Kriterien nicht mehr; sie wurden auch nicht in den Lizenzvertrag aufgenommen. Insbesondere ist hier auch das wirtschaftliche Risiko privatisiert. Nach wie vor gibt es im Netzwerk einen "Förderverein", der sich mit politisch-ökologischen Aufgaben befaßt und u.a. auch landschaftspflegerische Aufgaben bei den Mitgliedern aus dem Erzeugerbereich betreibt.

Die empirischen Arbeiten wurden begleitet von Workshops mit den Befragten und von Expertenrunden mit Fachleuten aus Praxis und Wissenschaft. Der erste Teil der Untersuchung wurde mit einer Fachtagung im Januar 2001 mit dem Thema "Bio im Netz" abgeschlossen.

 

 
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Stand: 29.07.03