Die empirischen Untersuchungen zur Differenzierung und Prüfung der Annahmen
des Forschungsvorhabens wurden in zwei Regionen, einem ländlich
geprägten Raum, dem Hunsrück, und einer eher städtisch geprägten Region,
dem Rhein-Sieg-Kreis, durchgeführt.
Das Forschungsvorhaben war in drei Abschnitte gegliedert:
Konzeptionsphase, Erprobungsphase in Much und im Hunsrück sowie die
Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse in ein Modell für Kommunikations- und
Lernprozesse mit dem Ziel der Regionalvermarktung.
Ergebnisse der Konzeptionsphase
Diese Phase lieferte erste Erkenntnisse zur Spezifizierung der
Fragestellungen und der Planungen für die Erprobungsphase.
Es wurden bestehende Regionalvermarktungsinitiativen (RVI) auf die
Motivation ihrer Mitglieder untersucht sowie die Aussendarstellung der RVI
mit dem Versuch einer quantiativen Erfassung und Bewertung sog.
Koppelprodukte (z.B. die
Reduktion von der Transportemissionen, die Sicherung von Arbeitsplätzen vor
Ort). Diese Ergebnisse wurden rückgekoppelt mit wichtigen regionalen
Akteuren aus dem Ernährungssektor. (Kommunikation)
Eine Literaturauswertung zum Wissensstand und Verhalten der
Verbraucher ergab, dass das
vorrangiges Motiv einer Entscheidung der KonsumentInnen für regionale
Produkte der individuelle Zusatznutzen ist, nämlich die Produktqualität
und die Vielfalt der angebotenen Produkte und nicht der Gedanke der
regionalen Herkunft.
Für den Hunsrück zeigte sich, daß ein Ausbau der regionalen
Vermarktung von Getreidewaren (z.B. für das Brotbacken) und Streuobst
erfolgreich sein könnte. Im Rhein-Sieg-Kreis kristallisierte sich im Mucher
Raum der Ausbau und die Weiterentwicklung des Warensortimentes des
Supermarkt Höllers heraus, der schon seit längerem regionale Produkte
anbietet, um den Verbrauchern die Vorteile der Regionalvermarktung zu
vermitteln.
Für die Konzeptionierung der Kommunikations- und Lernprozesse in der
Erprobungsphase ergaben sich verschiedene Schlussfolgerungen:
In beiden Regionen erschien es von besonderer Bedeutung, dass sich neben
den Wirtschaftsakteuren auch die Akteure des regionalen Umfeldes in den
Kommunikations- und Lernprozessen für die Regionalvermarktung engagieren.
- Die regionale Handlungsfeldanalysen zeigten, dass als Ansatzpunkt für
die wissenschaftliche Unterstützung der Regionalvermarktung durch das
Forschungsvorhaben das soziale Potential, d.h. die Interessen und das
Engagement der Akteure vor Ort, ausschlaggebend ist.
Darüber hinaus ergaben sich eine Reihe von Unterschieden in den beiden
Regionen:
- Die individuellen und regionalen Vorteile der Regionalvermarktung
werden von den Akteuren im Hunsrück in geringerem Ausmaß wahrgenommen
als in der Region Bonn/Rhein-Sieg. Dies zeigt sich an der höheren
Dichte der Regionalvermarktungsinitiativen sowie an den stärkeren
Interessen des Einzelhandels an einer Regionalvermarktung in der Region
Bonn/Rhein-Sieg.
- Grundsätzlich konnte festgestellt werden, dass die
Regionalvermarktung als alternative Strategie von den Akteuren im
Hunsrück bisher wenig wahrgenommen wird. Es fehlen sowohl
Informationen, Kapital- und Zeitkapazitäten als auch die notwendige
Risikobereitschaft.
- Im Hunsrück wurde von den Akteuren die regionale Organisation von
Produktlinien als erfolgversprechend angesehen, während im
Rhein-Sieg-Kreis Fragen zur Vermittlung der besonderen Vorteile
regionaler Produkte an die Verbraucher sowie zur Erhöhung der
Angebotsvielfalt die Diskussion dominierten.
ausführlichere Informationen und Hinweise zum
Bericht über diese Phase
Aufgrund der empirischen Ergebnisse in der Konzeptionsphase wurden in der
Erprobungsphase
- im Hunsrück Kommunikations- und Lernprozesse mit den Akteuren der
Produktlinien "Brot" und "Streuobstsaft" initiiert
und durchgeführt.
- in der Region Rhein-Sieg mit einer Initiative in Much, bestehend aus
einem Einzelhändler, seiner landwirtschaftlichen Zulieferer und der
Gemeinde, zusammengearbeitet, was die Untersuchung einer Vielzahl von
Produktlinien möglich macht.
Erste Ergebnisse der Erprobungsphase...in Much
In dem ersten Jahr der Erprobungsphase hat sich eine Arbeitsgruppe zum Thema
der Regionalvermarktung gebildet, die sich regelmäßig trifft. Sie ist ein
Teil des Lokalen Agenda-Prozesses. Beteiligt sind die Gemeinde, der Leiter
des Lebensmittelmarktes und sechs direkt-vermarktende Landwirte mit ihren
unterschiedlichen Produkten. Die Aktivitäten wie ein Einkaufsführer,
Faltblatt, Agenda Quiz, eine Relieflandschaft von Much mit den Orten der
landwirtschaftlichen Produzenten und ein gemeinsames Projekt mit
Designstudenten der FH Köln zum Verkauf von Regionalprodukten finden
Anklang in der Bevölkerung und werden von der örtlichen Presse und Stadt
unterstützt. (Foto der Arbeitsgruppe
Much - Regionalstand)
Der neue Arbeitskreis zur Regionalvermarktung hat sowohl nach innen (d.h.
Beziehungen zwischen den Mitgliedern) als auch nach außen (d.h. Beziehungen
innerhalb des lokalen Netzwerkes) eine Reihe von Veränderungen und
Wirkungen hervorgerufen:
-
Innerhalb des Arbeitskreises hat sich die Zusammenarbeit sukzessive
verbessert und ein
gegenseitiges Vertrauen aufgebaut, das Konkurrenzdenken in den Hintergrund
drängte.
-
Innerhalb des lokalen Netzwerkes führte die Bildung des Arbeitskreises oft
zu skeptischen Reaktionen. Vor allem die Konkurrenten auf Seiten der
Landwirte, des Nahrungsmittelhandwerks (besonders die Metzger) und der Händler, aber auch eine
Reihe von regionalen Gruppen und Vereinen verhalten sich sehr zurückhaltend
gegenüber der Arbeitsgruppe; sie vermuten in der Initiative eine
Imagekampagne für den expandierenden Lebensmittelhändler.
-
Innerhalb der Verbraucherschaft wurde die Initiative des Arbeitskreises fast
durchweg positiv und neugierig aufgenommen, was eine qualitative Befragung
belegte. Die bisherigen
Kommunikations- und Vermarktungsaktivitäten haben allerdings bisher nur zu
sehr vereinzelten und kaum messbaren Veränderungen des Handelns der
Verbraucher geführt.
Ausführlichere Informationen
Erste Ergebnisse der Erprobungsphase... im Hunsrück
In der Erprobungsphase wurden mit den regionalen Akteuren zunächst die
Kommunikations- und Lernprozesse für beide Produktlinien konzipiert und mit
deren Durchführung begonnen. Für die Konzeption war der unterschiedliche
Stand der bereits vorhandenen Aktivitäten entlang der Produktlinien
ausschlaggebend. Während zur Produktion von Streuobstsaft bereits erste
Kooperationen der Akteure bestanden und die geplanten Prozesse sich
schwerpunktmäßig auf die Einbindung von Rohstofflieferanten und
Vermarktungseinrichtungen richteten, waren entlang der Produktlinie
"Brot" lediglich Anregungen und Ideen zum Aufbau einer regionalen
Kooperation aus Landwirten, Mühlen und Bäckern vorhanden.
Schwerpunkt des ersten Jahres der Erprobungsphase bildete die Initiierung
der Kommunikations- und Lernprozesse entlang der Produktlinie
"Brot". Aufgrund der Feststellung, dass vor allem einem großen
Teil der relevanten Wirtschaftsakteure (Landwirte, Müller, Bäcker) die
Regionalvermarktung als Strategie sowie deren Vorteile als auch die
Potentiale für die Produktion und Vermarktung regionaler Backwaren im
Hunsrück unbekannt waren, wurden zunächst Methoden und Verfahren der
Information und Motivation eingesetzt.
Zur Initiierung des gemeinsamen Kommunikations- und Lernprozesses der
interessierten Wirtschaftsakteure und Umfeldakteure der Produktlinie
"Brot" wurde ein Gesprächskreis veranstaltet, dessen Inhalte ein
erster Austausch über die Vorteile der Regionalvermarktung, deren
Rahmenbedingungen als auch Informationen zu erfolgreichen Modellprojekten
waren. Der Gesprächskreis war Ausgangspunkt für die Gründung einer
regelmäßig tagenden Arbeitsgruppe "Regionalbrot" aus
interessierten Wirtschafts- und Umfeldakteuren zur Erarbeitung eines
Regionalbrot-Konzeptes.
Die Kombination von Gesprächskreisen und Arbeitsgruppen-Treffen wurde im
Prozessverlauf beibehalten, wobei die Arbeitsgruppe, die primäre
Arbeitsebene zur Weiterentwicklung des Konzeptes darstellt und der
Gesprächskreis der breiteren Information und Diskussion mit den
Wirtschafts- und Umfeldakteuren der Produktlinie dient.
Erste Ergebnisse hinsichtlich der Fragestellungen des
Forschungsvorhabens:
- Es hat sich bestätigt, dass die Koppelprodukte der regionalen
Nahrungsmittelproduktion und -vermarktung vor allem für die Umfeldakteure
die maßgeblichen Motivationen sind, sich an den Kommunikations- und
Kooperationsprozessen zu beteiligen. Vor diesem Hintergrund kann ihre
Beteiligung Zielstellungen nachhaltigen Wirtschaftens in den Prozessen
verankern. Für die Wirtschaftsakteure stehen vor allem die individuellen
Vorteile einer regionalen Kooperation im Vordergrund (z.B. die Verbesserung
ihrer Marktposition).
- Der Wissenstand der Wirtschaftsakteure zu den Möglichkeiten der
Regionalvermarktung und den Potentialen in ihrer Region ist als gering zu
betrachten. Als besonders Hemmnis hat sich der mangelnde Informationsstand
zur Situation der Akteure auf den anderen Stufen einer Produktlinie als
auch zur aktuellen Entwicklung des Verbraucherverhaltens erwiesen.
- Der Austausch der Akteure im Rahmen der Kommunikations- und Lernprozesse
stellt eine Basis dar diesen Wissenstand zu erweitern und damit die eigenen
Handlungsspielräume zu verändern.
- Vor allem in der Landwirtschaft und im Ernährungshandwerk ist das
Beharrungsverhalten groß, so dass regionale Kooperationen vielfach
abgelehnt werden. So fehlen bei den Wirtschaftsakteuren zum großen Teil
Kooperationserfahrungen mit Akteuren vor- und nachgelagerter
Wertschöpfungsstufen sowie Verbrauchern und Umfeldakteuren.
- Der Erfahrungsaustausch mit Vertretern erfolgreicher Modellprojekte hat
entscheidenden Einfluss auf das Engagement der Akteure in den
Kommunikations- und Lernprozessen.
- Ebenso spielt aber auch das Verhalten der Bezugsgruppe der einzelnen
Akteure (z.B. die Bäckerinnung) eine große Rolle für das Engagement des
jeweiligen Akteurs.
- Die Einbindung von Umfeldakteuren hat sich als besonders wichtig
erwiesen, da diese vielfach Aufgaben der Beratungs- und
Unterstützungsarbeit hinsichtlich inhaltlicher Fragen und
organisatorischer Aufgaben (Prozessmanagement, Öffentlichkeitsarbeit)
übernehmen können.
- Das Eingehen regionaler Kooperationen erfordert ein Vertrauensverhältnis
der beteiligten Partner, dessen Entwicklung genügend Zeit im Rahmen der
Kommunikations- und Lernprozesse eingeräumt werden muss. Erst auf einer
Vertrauensbasis werden vielfach Interessen und Handlungsbereitschaften
offengelegt, deren Verbergen sich zu Beginn der Prozesse oftmals als
Hemmnis des Prozesses erwiesen hatte. Vor diesem Hintergrund birgt die
Existenz bereits bestehender regionaler Netzwerke Beschleunigungspotentiale
für den Aufbau der Regionalvermarktung.
- Es wurde zwar die Erfahrung gemacht, dass eine breite Einbindung der
Umfeld- und Wirtschaftsakteure einer Produktlinie Konflikte frühzeitig
erkenn- und vermeidbar macht, andererseits aber nur eine begrenzte
Teilnehmerzahl die Arbeitsfähigkeit gewährleistet.
- Besondere Bedeutsamkeit bei der Organisation von Kommunikations- und
Lernprozessen mit dem Ziel regionaler Kooperationen kommt dem
Prozessmanagement zu. Diese muss unbedingt von Akteuren wahrgenommen werden,
welche ihre neutrale Position glaubhaft machen können sowie über
inhaltliche und methodische Erfahrungen verfügen. Es wird eingeschätzt,
dass die Organisationsarbeit für solche Prozesse weder von den regionalen
Wirtschaftsakteuren noch der Mehrheit der Umfeldakteure geleistet werden
kann. Intermediären Akteure aus den Bereichen "Regionalentwicklung,
Regionalmanagement" kommt dabei besondere Bedeutung zu.