1. Lokale Maßstabsverkleinerung als
Beitrag zu nachhaltigen Konsummustern
Die mehrheitlich vorfindlichen Konsummuster tragen zu einer Ausweitung
des Flächenverbrauchs, wachsenden Transportwegen und Aktionsradien bei
und befördern somit z.B. die private PKW-Nutzung mit den dadurch
hervorgerufenen Umweltproblemen. Diese ökologischen Effekte stehen in
unmittelbaren Wechselwirkungen mit sozialen und ökonomischen Prozessen,
d.h. den beiden anderen Dimensionen des "magischen Dreiecks" der
Nachhaltigkeit: Etwa indem der PKW-Besitz zur nahezu unabdingbaren
Zugangsvoraussetzung zu den offerierten Konsummöglichkeiten und damit zum
Instrument der sozialen Integration wird oder indem räumliche
Verlagerungs- und Konzentrationsprozesse im Einzelhandel zu Lasten
kleinerer Betriebe sowie der Versorgungsqualität in vielen Nahbereichen
gehen.
Die expansive, maßstabsvergrößernde Dynamik dieser Entwicklungen
führt offenkundig in ökonomischer, sozialer und ökologischer Hinsicht
zu Problemen. Angesichts der engen Wechselwirkungen sind jedoch
Stabilisierungsbemühungen in einer der drei Nachhaltigkeitsdimensionen
nur dann erfolgversprechend, wenn sie mit gleichlaufenden Stabilisierungen
der beiden anderen verbunden sind. Bemühungen um nachhaltige Konsummuster
haben also die Aufgabe einer Maßstabsverkleinerung von - räumlichen und
sozialen - Beziehungen zu bewältigen und dabei eine Balance des gesamten
Handlungs- und Wirkungszusammenhangs beizubehalten bzw.
wiederherzustellen.
Dabei sind freilich die vielfältigen Konflikte zu bewältigen, die
sich im Nahbereich aus der Vielzahl von Akteuren mit ihren verschiedenen
Rollen als z.B. Bürgerinnen, Anwohnerinnen, Konsumentlnnen,
Gewerbetreibende, Beschäftigte etc. ergeben und sich auf alle
konsumrelevanten Handlungsfelder richten. Unter dieser Voraussetzung
erscheint die Orientierung von Lebenszusammenhängen und Alltagspraxis auf
die lokale/regionale Ebene auch in der Sache geeignet, räumliche
Distanzen zu verringern, Verkehr zu vermeiden sowie direkte soziale
Beziehungen und soziale Integration zu stärken. Eine verstärkt lokale
Orientierung des alltäglichen Konsumverhaltens ist insofern als
notwendige soziale Voraussetzung von nachhaltigem Konsum zu verstehen.
2. Die "formelle" Politik bleibt
wichtig
Konsumentscheidungen und -muster sind als Elemente des Marktgeschehens
staatlicher Regulierung und politischer Intervention nur begrenzt
zugänglich. Dennoch darf die Rolle der "formellen" Politik,
d.h. der institutionellen Mechanismen demokratischer Willensbildung und
Entscheidungsfindung, bei der Initiierung, Organisation und Regulierung
gesellschaftlicher Prozesse nicht übersehen werden. Initiativen "von
unten" bzw. selbstorganisierte Prozesse bleiben in ihrer Entfaltung
und Wirkung beschränkt, sofern sie nicht in den formellen Strukturen von
Politik und Verwaltung Unterstützung finden.
Die Verbreitung und Stabilisierung nachhaltiger Konsummuster erfordert
daher auch politische Initiativen und Unterstützung, ist aber keineswegs
allein dadurch zu gewährleisten. Denn auch "die Politik"
unterliegt in wachsendem Maße strukturellen Beschränkungen ihrer
Handlungs- und Steuerungsfähigkeit. Mit anderen Worten: Auch bei
"gutgemeinten" politischen Vorhaben und Maßnahmen sind die
Umsetzungs- und Verallgemeinerungschancen relativ niedrig; die Risiken des
weiteren Verlustes von Legitimation und Steuerungsfähigkeit der Politik
jedoch relativ groß.
Deshalb wird seit geraumer Zeit - v.a. auf lokaler Ebene und bei
ökologischen Fragen - mit "Politikinnovationen" experimentiert
(Runde Tische, Mediation, Bürgerforen etc.), die neue Mischungen aus
"formeller" und "informeller" Politik darstellen und
die jeweiligen Beschränkungen im Bereich der formellen Politik wie im
Bereich der informellen Politik zu überwinden trachten. Dabei müssen
zwei Probleme gleichzeitig gelöst werden: Die zielgerichtete Entwicklung,
Erprobung und Stabilisierung veränderter (nachhaltiger) Verhaltensmuster
einerseits und die Entwicklung und Optimierung effizienter partizipativer,
kooperativer, konsensorientierter Verfahrensweisen andererseits. Letztere
stehen im Zentrum des vorgestellten Vorhabens.
3. Zum Verhältnis von formeller und informeller
Politik
(Schaubild - längere Ladezeit!) Verhältnis
formelle - informelle Politik
4. Drei Praxisprojekte mit drei
Einführungsstrategien
Am Beispiel der unterschiedlichen Einführungs- und
Umsetzungsstrategien in drei Praxisprojekten zur Veränderung
konsumrelevanter Handlungsbedingungen in einer deutschen Großstadt
sollten deren Voraussetzungen und Wirkungen vergleichend analysiert und
bewertet werden. Dabei handelt es sich um folgende Projekte:
Vertrieb und Konsum transportreduzierter regionaler Lebensmittel
In der als Informations- und Motivationskampagne angelegten Strategie
zur Vermekktung von regional hergestellten Lebensmitteln geht es vor allem
um Wissensvermittlung, Aufklärung und Herstellung von Transparenz für
die Konsumentlnnen Über die Qualitäts-, Produktions-, Vertriebs- und
Transportbedingungen der verfügbaren Lebensmittelangebote. Damit zielt
diese Strategie vor allem auf die Verringerung jener Kontroll- und
Überschaubarkeitsdefizite bei komplexen Zusammenhängen, die häufig eine
umweltgerechte oder nachhaltige Orientierung des persönlichen
(Konsum)Verhaltens blockieren.
Einrichtung eines überbetrieblichen Lieferservice der Einzelhändler
eines Stadtteils
Durch die Einrichtung eines überbetrieblichen Lieferdienstes des
Einzelhandels im Stadtteil wird eine marktvermittelte Anreiz- und
Angebotsstruktur geschaffen, die den Konsumentlnnen die Möglichkeit
eröffnet, das im Stadtteil verteilte Warenangebot in gleicher Weise zu
nutzen, wie das konzentrierte Angebot großer Supermärkte, ohne dafür
mit dem PKW weite Wege zurücklegen zu müssen. Diese Strategie reagiert
mithin auf das verbreitete Argument, umwelt-/nachhaltigkeitsorientiertes
Konsumverhalten scheitere an fehlenden Gelegenheiten und Angeboten. Ob und
inwieweit das Angebot den Bedürfnissen unterschiedlicher
Konsumentengruppen sowie deren sozialen Voraussetzungen und Ressourcen
Rechnung trägt, wird daraus ersichtlich, ob es eine hinreichend
kaufkräftige Nachfrage findet.
Einführung von "Anwohnerparken" in mehreren städtischen
Quartieren
Das sog. Anwohnerparken zielt mittels einer staatlichen
Verordnungsstrategie auf die Neuordnung der Nutzungsrechte am
öffentlichen Straßenraum in städtischen Quartieren ab. Die
beabsichtigte Steigerung der Wohn- und Aufenthaltsqualität soll die
Wohnortbindung und auf diese Weise die lokale Orientierung der ansässigen
Bevölkerung stärken, nicht zuletzt durch eine Stärkung des lokalen
Einzelhandels. Damit setzt diese Strategie insbesondere bei den
materiellen Qualitätsansprüchen und den sozialen Angemessenheits- und
Gerechtigkeitsvorstellungen der Zielgruppen an, deren Wünsche häufig als
ein Hemmnis für nachhaltiges Alltagsverhalten angeführt wird.
Die drei Praxisprojekte richten sich mithin alle an die gleiche
Zielgruppe - Bürgerlnnen als Konsumentlnnen und Anwohnerlnnen - und deren
Verhalten, operieren aber mit drei systematisch unterschiedlichen
Handlungsmedien bzw. -ressourcen (Information, Geld, Recht) und wollen in
erster Linie auf jeweils spezifische Verhaltensvoraussetzungen bei der
Zielgruppe einwirken.
Sicherlich ist davon auszugehen, dass in allen Fällen eine Vermittlung
zwischen formeller und informeller Politik - etwa als Moderations-,
Bargaining- oder partizipativer Planungsprozess - bei der Umsetzung
existieren wird. Gerade von der Intensität und Gestaltung dieser
Vermittlungsfunktion dürfte aber entscheidend abhängen, inwieweit die
implementierten Maßnahmen ihre Ziele erreichen können. Gegenstand der
wissenschaftlichen Analyse und Wirkungskontrolle sind somit die
"mikropolitischen" Prozesse bei der Umsetzung der drei
Praxisprojekte sowie deren Zielerreichung. Im einzelnen verfolgt das
Vorhaben die folgenden Ziele:
- Bestimmung intendierter und nicht-intendierter Effekte der
jeweiligen Verfahrensweisen, d.h. der gewählten
Konfliktbewältigungs-, Konsens-, Kompromissfindungsmechanismen.
- Klärung des Zusammenhangs von Prozessentwicklung (d.h. von Regeln,
Verfahrensweisen, Konfliktbewältigungsstrategien) und
Programmentwicklung (Maßnahmen, Ziele, Wirkungen, d.h. auch reale
Zielerreichung).
- Bestimmung derjenigen Prozesskonstellationen und -variablen, die
lokale Orientierung und Motivation zu nachhaltigkeitsorientierten
Verhaltensänderungen befördern.
- Identifizierung eines Instrumenten- und Verfahrens"mixes"
zur Kombination und Optimierung der jeweiligen Stärken der drei
unterschiedlichen Strategien.
Mit der Umsetzung der drei Praxisprojekte wurde durch die verschiedenen
Träger im Laufe des Jahres 1998 im Rahmen des lokalen Agenda-21
-Prozesses in Bremen begonnen. Die Kooperation zwischen der
Forschungsgruppe und den Praxispartnern wird die Form einer
umsetzungsorientierten Begleit- und Aktionsforschung annehmen.
Ein erster
Sachstandsbericht gibt es als Download (1,1 MB - pdf-File) |