1 Hintergrund
Nachhaltiges und zukunftsfähiges Wirtschaften ist das Ziel, auf das
sich die Staatengemeinschaft auf der UN-Konferenz für Umwelt und
Entwicklung in Rio 1992 verständigt hat (Agenda 21). Der Bundestag
(Enquête-Kommission) und die Bundesregierung haben Strategien und Maßnahmen
vorgelegt. Industrie- und Branchenverbände haben z. T. in Zusammenarbeit
mit Gewerkschaften eigene Beiträge zum Ziel erarbeitet. Auch die Stadt Hamburg hat sich mit dem Beitritt zur Charta
von Aalborg dazu verpflichtet, einen eigenständigen lokalen bzw.
regionalen Beitrag zu leisten. Mit Blick auf die Naturgrundlage unseres
Wirtschaftens einerseits und auf die steigenden Bedürfnisse einer immer
noch wachsenden Weltbevölkerung andererseits bedeutet dies, daß
wir
1. die Aufnahmekapazität der Natur für die Reststoffe nicht
überfordern dürfen (Abfall- und Emissionsverminderung bzw. -vermeidung),
2. die Entnahme nicht erneuerbarer mineralischer Ressourcen drastisch
reduzieren müssen (insbesondere durch hochwertiges Recycling) und
3. möglichst auf erneuerbare Energie- und Stoffquellen umsteigen
müssen (solare Wirtschaft auf der Basis von Sonnenenergie und
nachwachsenden Rohstoffen).
2 Projektidee
Im Rahmen des vom BMBF geförderten Projekts soll untersucht werden, in
welcher Weise die wirtschaftlichen Akteure in der Region Hamburg die
zwischen- und überbetrieblichen Stoffströme so steuern und optimieren
können, daß sie dem Leitbild einer nachhaltigen regionalen Wirtschaft
näherkommen. Die Region ist dabei zu verstehen als ein Raum, in dem die
Akteure in großer Nähe zueinander wirtschaften. Auch im Hinblick auf die
globalen Stoffströme ist Hamburg einer der zahlreichen Knoten
(Gravitationspunkte), in denen Entscheidungen zur Beeinflussung der
Stoffflüsse gefällt werden. Am Beispiel des Wirtschaftsclusters metallverarbeitendes
und -erzeugendes Gewerbe soll aufgezeigt werden, wie das Leitbild der
Nachhaltigkeit kurz-, mittel- und langfristig in konkretes
unternehmerisches Handeln umgesetzt werden kann. Zur Konkretisierung des
Leitbildes der regionalen Nachhaltigkeit könnte z. B. das langfristige
Szenario herangezogen werden, die Recyclingrate im Metallstoffstrom der
Region auf 90% zu erhöhen und den Einsatz an Neumaterial entsprechend zu
reduzieren. Auf diesem Weg sind dann natürlich auch Zwischenziele
wichtig, wie z. B. das von der Bundesregierung in Kyoto
bestätigte Ziel, die nationalen CO2-Emissionen bis zum Jahre 2005 um 25%
zu reduzieren (Basis 1990).
3 Worauf soll sich das Projekt konkret beziehen?
Unser Modellprojekt konzentriert sich auf den Stoffstrom Metalle und
die damit verbundenen Nebenstoffströme (Beschichtungen, Lacke, Galvanik,
(Kühl-)Schmierstoffe, Späne, Schleifschlämme) in der Region Hamburg.
Neben den Wissenschaftspartnern Fachhochschule Hamburg, Universität
Hamburg (FB Informatik), dem Ökopol-Institut Hamburg und dem
Ingenieurbüro SumBi sind mit Unterstützung durch die Handelskammer und
die Handwerkskammer sowie die Umweltbehörde Hamburgs Unternehmen
unterschiedlicher Größe und Zuschnitts aus den verschiedenen Elementen
der Metallkette und ihrer Nebenstoffströme an dem Projekt beteiligt, vom
Metall-, Maler- und Bauhandwerk bis zu Großunternehmen (z.B. Werften,
Fahrzeuge und/oder Fördertechnik), von Primärproduzenten (Stahl,Kupfer,
ggf. Aluminium) über Verarbeiter (z. B.Maschinenbau und
Elektrotechnik/Elektronik), Nutzer, Dienstleister bis zur Entsorger- bzw.
Schrottbranche.
4 Welche Ansatzpunkte werden in Hamburg gesehen?
4.1 Alle Hersteller und Vertreiber von Apparaten, Geräten, Maschinen
oder Fahrzeugen für den Privatgebrauch müssen mittelfristig damit
rechnen, für das Schicksal ihrer Produkte nach Ende der Lebenszeit
Verantwortung zu übernehmen (z.B. Rücknahmeverpflichtung). Es entsteht
die Notwendigkeit zur Optimierung des Produktdesigns und der
Produktzusammensetzung.
4.2 Investitionsgüter (gewerblich genutzte Maschinen, Anlagen und
Geräte) besitzen häufig noch einen erheblichen Wert, wenn sie durch
andere oder modernere Güter ersetzt werden. Wir vermuten, daß im Bereich
der gewerblichen Altapparate erhebliche Wertschöpfungspotentiale derzeit
noch nicht genutzt werden (Stichwort:Rückbau von Maschinen/rebuild).
4.3 Die Getrennthaltung der verschiedenen Metalle sowie eine hohe Quote
von Altschrotten in der primären Metallproduktion ist bislang nur
unzureichend realisiert.Wir vermuten, daß über die Optimierung von
Logistik, Information und Anreizsystemen eine deutliche Verminderung im
Einsatz primärer Metalle möglich ist.
4.4 Der Einsatz von Schmierstoffen und Beschichtungsstoffen ist gerade
für kleine Metallver- und bearbeiter häufig mit erheblichen Kosten für
Beschaffung und Entsorgung verbunden, weil die Effizienz der Stoffnutzung
nicht optimiert ist. Wir vermuten, daß der Markt für sogenannte Chemiedienstleistungen
im Sinne einer ökologisch-ökonomischen Optimierung beim Einsatz von
Schmierstoffen und Beschichtungsstoffen noch längst nicht ausgeschöpft
ist.
4.5 Kleine Metallbauer und -verarbeiter sind, je nach Kundenstruktur,
häufig mit dem Problem konfrontiert, erhebliche Mengen an Verschnitt zu
produzieren oder zu große Losgrößen kaufen und lagern zu müssen. Wir
vermuten, daß eine Optimierung der Informationsflüsse sowie ggf. eine
Weiterentwicklung der Handels- und Lieferstrukturen zu einer effizienteren
Stoffnutzung führen könnte.
5 Welche Ziele werden angestrebt?
Ziel der Kooperation ist die Optimierung von Informationsflüssen, die
Identifizierung nicht genutzter Wertschöpfungspotentiale, die
Identifizierung von Hemmnissen oder von Anreizsystemen zur Optimierung der
Stoffflüsse, sowie die Skizzierung von politisch-rechtlichen
Rahmenbedingungen, die der Optimierung zuträglich wären. Maßnahmen für
Effizienzgewinne sollten mit Blick auf drei Zeithorizonte angegangen
werden:
a) kurzfristig dürfte es eher um Verbesserungen und Lösungen bei den
Nebenstoffströmen gehen (Beschichtungen, (Kühl-)Schmierstoffe,
Schleifschlämme), b) mittelfristig wäre der Aufbau eines regionalen
Produkt-, Maschinen- und Komponentenrecycling-Systems interessant
(Stichworte: recyclinggerechtes Konstruieren, Leasing, Wartung, Reparatur,
Aufarbeitung, Rebuild,Gebrauchtmarkt) c) langfristig geht es um Strategien
zur Erreichung anspruchsvoller Ziele, wie z. B. Reduktion der Metall- und
Nebenstoffströme um x % oder Erarbeitung von Perspektiven einer
Metallwirtschaft, die mit 10% Frischware auskommt, also mit 90%
Recyclingware zu arbeiten in der Lage ist.
Das Projekt muß am Schluß entsprechend den drei Zeithorizonten auch
drei Arten von Ergebnissen aufweisen:
- erfolgreiche Verbesserungen (insbesondere, aber ggf. nicht nur im
Bereich der Metallnebenstoffströme),
- konkrete Verabredungen für die
mittelfristige Umsetzung von Maßnahmen (insbesondere aber ggf. nicht nur
im Bereich Langlebigkeit und hochwertiges Recycling) und
- Elemente einer
Strategie für den Weg bzw. Beitrag der Region Hamburg zu einer nachhaltig
zukunftsfähigen Metallwirtschaft.
6 Vorgehensweise
Das Projekt soll sich an den folgenden Leitfragen entwickeln:
Welche Akteure sind in Hamburg am Metallstoffstrom beteiligt? Wer
greift wie und mit welchen Stoffen in den Metallstoffstrom ein? Welche
Gründe sind dafür verantwortlich, daß derzeit keine 90%tige
Recyclingrate im Metallstoffstrom besteht, obwohl das Material aufgrund
seiner chemischen und physikalischen Eigenschaften hierfür prädestiniert
wäre? Welche Stoffqualitäten (der Produktbestandteile) sind notwendig,
damit ein 90%tiges Recycling möglich oder denkbar wäre? Welche
Begleitstoffe oder Schattenstoffströme beeinflussen die
Stoffstromreduzierung aktuell? Wie müßte die Qualität der Begleitstoffe
aussehen, damit der Stoffstrom auf 10% reduziert werden könnte? Wie
würden konkrete Produkte aussehen, wenn sie mit 10% der
Neumaterial-Einsatzmenge auskommen müßten ? Wie würden konkrete
Produkte aussehen, wenn sie zu 100% zurückgenommen werden müßten und zu
mindestens 90% rohstofflich oder werkstofflich in Neuprodukten auftauchen
müßten? |
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