Entwicklung eines regionalen Energiemanagement-Konzeptes und Anwendung auf die TechnologieRegion Karlsruhe

Ein mögliches Leitbild des Nachhaltigen Wirtschaftens stellt die Vision einer "Zero Emission Region" mit minimierten Ressourcenverbräuchen, maximiertem Einsatz erneuerbarer Ressourcen sowie minimierten Emissionen dar. Die Realisierung dieser Vision erscheint unter Berücksichtigung der heutigen Produktionsstrukturen und Rahmenbedingungen schwierig, weshalb das Konzept einer "Zero Emission Region" im Rahmen dieses Projektes anhand eines Leitprojektes überprüft und exemplarisch umgesetzt werden soll. Aufgrund der Bedeutung der mit der Energiebereitstellung und -umwandlung verbundenen Emissionen wird dazu der Sektor der Energie gewählt. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Liberalisierung des Elektrizitätssektors und der damit einhergehenden Öffnung der Märkte besteht die Notwendigkeit, umweltschonende Energieversorgungssysteme einzusetzen bzw. deren Existenz sicherzustellen. Schließlich bietet der Bereich der Energie optimale Voraussetzungen für die erfolgreiche Umsetzung des "Zero-Emission-Gedankens", da sowohl bei der Bereitstellung wie auch bei der Nutzung von Energieströmen noch beachtliche Potentiale zur Reduktion von Umweltbelastungen existieren, deren Umsetzung auch bei einer rein ökonomischen Betrachtungsweise anzustreben ist. Aufgrund der eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten der Industrie anfallenden Abwärme bei betriebsinternen Lösungen bedarf es allerdings vor allem überbetrieblicher Vernetzungen, um ökologische und ökonomische Vorteile simultan zu erreichen.

Die Zielsetzung des beantragten Projekts liegt in der Bestimmung des Vernetzungspotentials mehrerer Industrieunternehmen, die dicht beieinander in der Nähe des Karlsruher Rheinhafens angesiedelt sind, und der dadurch realisierbaren positiven ökologischen und wirtschaftlichen Effekte. Dazu zählen neben den Energieeinsparungen auch Umweltentlastungseffekte wie Emissions-, Energieträgertransport- und Abfallvermeidung, die als positive und vor allem regional bedeutsame Folge-Effekte mit in die Bewertung einfließen. Neben den Stadtwerken Karlsruhe als Versorgungsunternehmen werden als potentielle Energienachfrager mehrere energieintensive Unternehmen wie bspw. eine Raffinerie, eine Papierfabrik, ein Automobilbauer, ein Ligninverarbeiter sowie die städtische Kläranlage berücksichtigt. Alle Unternehmen sind dicht beieinander in der Nähe des Karlsruher Rheinhafens angesiedelt, mit einer maximalen Entfernung von etwa 5 km zwischen den Unternehmensstandorten. Insbesondere die Mineralölraffinerie und die Papierfabrik - zusammen mit einem Bedarf an elektrischer Leistung von etwa 200 MWel, einem Bedarf an Niederdruckdampf (ND-Dampf) von über 360 MWth und an Mitteldruckdampf (MD-Dampf) von etwa 160 MWth - stellen Schlüsselakteure im Bereich Energie der TechnologieRegion Karlsruhe dar. Bislang wird der Strom- und Prozesswärmebedarf der Unternehmen durch betriebseigene Anlagen sowie durch Strombezug aus dem Netz der Stadtwerke Karlsruhe gedeckt. Aufgrund der Altersstruktur einzelner Kessel und Turbinen sowie des Anstiegs des Energiebedarfs durch geplante Produktionserweiterungen stehen in den Unternehmen Ersatz- und Erweiterungsmaßnahmen im Bereich der Energieversorgung an.

Für das ausgewählte Energienetzwerk und dessen Einbindung in das öffentliche Versorgungsnetz sollen die Schwachstellen in der bisherigen Energiebereitstellung aufgezeigt werden. Aufbauend auf der Identifikation von Schwachstellen sind Ansätze und Handlungsempfehlungen hinsichtlich der Deckung des vernetzten Energiebedarfs zu identifizieren, deren Realisierung nicht nur Einsparpotentiale hinsichtlich Emissionen in die Medien Luft, Wasser und Boden, sondern auch hinsichtlich der finanziellen Ressourcen in den betroffenen Unternehmen eröffnen. Im Rahmen einer Vorstudie zu diesem Projekt wurde am Institut für Industriebetriebslehre und Industrielle Produktion (IIP) die gemeinsame Versorgung zweier der in diesem Antrag berücksichtigten Industriekunden - der Mineralölraffinerie und sowie der Papierfabrik - durch eine Gas- und Dampfturbinenanlage (GuD-Anlage) analysiert. Da die existierenden Anlagen der beiden Industriekunden das Ende ihrer Nutzungsdauer erreicht haben, wurde die Deckung des vernetzten Bedarfs mit Hilfe einer neuen GuD-Anlage der getrennten Energieversorgung durch neu errichtete Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen sowie Spitzenlastkessel gegenübergestellt.

Abbildung 1: Zukünftige Versorgungsstruktur bei gemeinsamer Versorgung der beiden Unternehmen (längere Ladezeit!)

Es zeigte sich, daß durch Errichtung des Gas- und Dampfturbinenprozesses zur gemeinsamen Versorgung der beiden Industriekunden die CO2-Emissionen um bis zu 35 % gesenkt werden und deutliche Verbesserungen der ökonomischen Situation der Energienachfrager erzielt werden können.

Im Rahmen des Projektes wird die getrennte Versorgung der Unternehmen den Möglichkeiten zur nachträglichen Vernetzung und der Errichtung von neuen Energiebereitstellungsanlagen zur Deckung des (gesamten) Bedarfs der Unternehmen unter ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten gegenübergestellt. Aufgrund der Vielzahl an Energiebereitstellungsanlagen in der TechnologieRegion Karlsruhe, die teilweise nur zu einem geringen Teil ausgelastet sind, soll als dritte Möglichkeit die Deckung des (gesamten) Bedarfs durch existierende Kapazitäten von Versorgungsunternehmen analysiert werden. Schließlich werden auch Optionen zur Bedarfsdeckung im liberalisierten Elektrizitätsmarkt wie bspw. Bezug von Dritten, über einen Stromhandel (Over the Counter) oder über eine Börse unter ökonomischen und ökologischen Kriterien bewertet.

Als methodisches Instrumentarium zur Entwicklung und Bewertung von ökonomischen und ökologischen Vernetzungs- und Einsparpotentialen wird - aufbauend auf einem bereits existierenden Modell für die Stadtwerke Karlsruhe - ein stark disaggregiertes Energieflußmodell entwickelt. Mit Hilfe des Modells werden einerseits die noch vorhandenen Umwelt- und Unternehmensentlastungseffekte identifiziert, andererseits die Auswirkungen infolge der Vergrößerung der ausgetauschten Ströme, der Errichtung von neuen vernetzten Bereitstellungskapazitäten sowie des Verzichts auf Eigenerzeugung und Versorgung über existierende Anlagen von Energieversorgungsunternehmen bestimmt. Vor dem Hintergrund enormer Energie- und Stoffströme des Raffineriekomplexes sowie unter dem Aspekt zukünftiger Spezifikationsänderungen bei Raffinerieprodukten auf dem Kraftstoffsektor werden die in der Raffinerie ablaufenden Prozesse besonders beachtet. Zur Untersuchung der Nachhaltigkeit veränderter technischer oder organisatorischer Abläufe wird die Betrachtung der Energieströme durch die Untersuchung der damit verbundenen Stoffströme ergänzt, um die quantitativen und qualitativen Umweltauswirkungen der Energiebereitstellung ganzheitlich bewerten zu können. Im Rahmen des Projektes soll weiterhin analysiert werden, welche anderen Unternehmen mit in das Energienetzwerk zu integrieren sind, da sie Energieströme, die in einem der Unternehmen anfallen, nutzen können. Des weiteren ist die Realisierung der zu erarbeitenden Lösungsvorschläge in Gang zu bringen. Dies setzt den Aufbau funktionierender Kooperationen durch Integration aller betroffenen Akteure in einen offenen Kommunikationsprozeß voraus. Ziel ist die Schaffung einer breiten Basis für die entwickelten Lösungsvorschläge, wobei insbesondere die Akzeptanzprobleme zwischen den beteiligten Unternehmen im Hinblick auf ein überbetriebliches Energiemanagement aufgezeigt und Handlungsempfehlungen zu deren Überwindung entwickelt werden. Schwerpunkt der sozialwissenschaftlichen Arbeiten ist die vergleichende Analyse der Erfolgsbedingungen für Vernetzungskonzepte. Insbesondere ist zu analysieren, ob Kooperationsprobleme besser durch eine hierfür von den Beteiligten eigens errichtete Institution, wie beim Verwertungsnetzwerk in Kalundborg, oder durch ein dezentrales Kommunikationsforum mit Akteuren aus sämtlichen Unternehmen und Instituten unterschiedlicher Fachbereiche, wie in diesem Projekt angestrebt, bewältigt werden können. Zum Untersuchungsumfang gehört auch, die potentiellen Nutzer, Anbieter und Konsumenten mit den Vorstellungen des regionalen Energiemanagementkonzepts vertraut zu machen, eine "Network Identity" aufzubauen und zu gewährleisten, daß zukünftige Veränderungen in der Netzwerkstruktur berücksichtigt werden. Abgerundet wird das Projekt durch die Analyse von Möglichkeiten zur Übertragung der Ergebnisse auf Unternehmen auch in anderen Regionen. Hierzu soll ein allgemeingültiger Prüfkatalog für die Realisierung eines solchen Energienetzwerks entwickelt werden.

Abbildung 2 (Achtung länger Ladezeit) Projektstruktur

 
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Stand: 06.03.03